Der Friesenfluch

(Geschichten aus irgendeinem Leben)

 

Vorwort

Ich erzähle euch die Geschichte von mir und meinem Leben als ehemaliger Waldorfschüler.

Diese Biografie unterscheidet sich in folgenden Punkten von den meisten anderen Biografien:

1. Sie ist nicht fertig aber öffentlich.

2. Sie entspricht in weiten Teilen der Wahrheit.

3. Sie ist selbst recherchiert und eigenhändig geschrieben.

4. Ich bin in der Öffentlichkeit völlig unbekannt und werde es immer bleiben, was mich aber in keinster Weise tangiert.


 

Kurzversion:


Mein Leben

Auf dem Friedhof schnell gezeugt

und den Umstand nie bereut.

Der Vater, den ich nie gekannt,

ist natürlich weg gerannt.

Ich habe nachts viel nachgedacht,

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

 

Wir sind nach Bayern dann gezogen,

dort wurde ich gleich abgeschoben.

Meine Mutter konnte eben

mit einem Baby nicht gut leben.

Ich habe nachts viel nachgedacht,

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

 

Meine Mutter hatte Männer,

leider auch so manchen Penner.

Die Schule war mir stets ein Graus,

so sahen auch die Noten aus.

Ich habe nachts viel nachgedacht,

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

 

Meine erste Liebe dann,

machte mich zu einem Mann.

Doch auch das Schöne geht vorbei

und schließlich war ich wieder frei.

Ich habe nachts viel nachgedacht,

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

 

Es kamen viele Jobs und Frauen,

die haben mich nicht umgehauen.

Es waren Jahre voller Trauer,

manchmal war ich auch nur sauer.

Ich habe nachts viel nachgedacht,

Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

 

Dann trat ein Engel in mein Leben

und konnte Sinn nun diesem geben.

Seit Jahren läuft jetzt alles gut,

ich bin voll Zuversicht und Mut.

Ich habe nicht mehr nachgedacht

und in der Nacht oft laut gelacht.

 

Einst werde ich die Augen schließen,

mein letztes Lachen sehr genießen.

Das Leben ist so wunderbar,

auch wenn es oft zum Kotzen war.

Ich habe heute nachgedacht,

Humor ist, Leute, wenn man lacht.

(10.05.2019)

 

 

Der Fluch

Milchiger Nebel kroch über die Deiche, über diejenigen Deiche, die wenige Monate zuvor nicht in der Lage gewesen waren, eine schreckliche Flutkatastrophe zu verhindern, bei der 340 arme Seelen ihr Leben verloren und ihr nasses Grab gefunden hatten. Es war eine kalte, dunkle, feuchte und verheißungsvolle Nacht Ende Oktober 1962. Der gerade aufgegangene Vollmond beleuchtete fahl und bedrohlich den Ort des Geschehens, den kleinen Friedhof der größten Stadt Ostfrieslands, als wolle er vor dem warnen, was kommen sollte. Nur er, der Nebel und die rastlosen Seelen der unzähligen Verstorbenen waren Zeugen der Geschehnisse in dieser Nacht.

Die siebzehnjährige Christiane und der sechzehnjährige Paul trafen sich wie so oft heimlich im Schatten der Gräber, um ihrer vermeintlich bedingungslosen gegenseitigen Liebe den nötigen Raum zu verschaffen. Sie fühlten sich unverstanden von der Welt, die zu dieser Zeit insbesondere durch ihre Eltern verkörpert wurde. Christianes Vater, Kapitän zur See, duldete keine Verbindung zu einem Jungen von niederem Stande wie Paul es in seinen Augen war. Da der Kapitän jedoch oft und lange auf See war, führte seine Frau Erna ein noch härteres Regiment, als ihr Mann es jemals hätte führen können. Sie hasste Paul und alle anderen, die möglicherweise die heile Welt ihrer Familie bedrohten.

Erna behandelte Christiane und ihre beiden Geschwister in einer Art und Weise, die heute dazu führen würde, dass man ihr die Kinder entziehen würde. Sie misshandelte sie weniger körperlich als seelisch, so haben es mir alle drei später erzählt. Die Schilderungen waren ebenso glaubhaft wie sie unglaublich scheinen. Zum Beispiel setzte Erna die Kleinen in die oberste Schublade einer Kommode, aus der Sie sich selbst nicht befreien konnten, zumindest nicht ohne Lärm zu verursachen oder sich zu verletzen. So hatte sie die Kontrolle und gleichzeitig ihre Ruhe.

Da dies jedoch in erster Linie ein heiteres Werk werden und man die Toten ruhen lassen soll, erspare ich allen Beteiligten und der Nachwelt weitere schreckliche Einzelheiten des boshaften Tuns meiner Großmutter.

Möge sie in der obersten Schublade einer Kommode in Frieden ruhen.

In dieser schicksalhaften Nacht jedoch kümmerte sich Christiane nicht um das, was ihre Eltern dachten und taten. Sie war bereit, mit Paul zusammen alle Hemmungen fallen zu lassen und sämtliche Konventionen zu missachten, um ihre gegenseitige Liebe endlich mit dem unvermeidlich letzten Schritt zu besiegeln, der hemmungslosen gegenseitigen Hingabe. Dumm war nur, dass die beiden ahnungslosen Jugendlichen weder jemals etwas von Verhütung noch vom furchtbaren Fluch der Friesen gehört hatten.

Ich werde heute zum ersten Mal über diesen Fluch reden, offen und schonungslos. Auch wenn mich bei dem Gedanken daran ein heftiges Unwohlsein ereilt, komme ich nicht umhin, die Warheit endlich auszusprechen.

Wenn in Ostfriesland bei Vollmond auf einem Friedhof ein Junge gezeugt wird, stirbt irgendwo auf der Welt plötzlich, unfassbar grausam und unter mysteriösen Umständen ein mit einem Fluch beladener Ostfriese.

Der Fluch aber stirbt nicht, sondern geht auf den gezeugten Jungen über, der diesen dann bis zu seinem schrecklichen Tode tragen muss, sofern er nicht rechtzeitig vorher die wahre Liebe findet. So hat es mir meine Urgroßmutter wieder und wieder erzählt, als ich als kleiner Junge wie so oft nicht einschlafen konnte.

Die Wahrscheinlichkeit, von diesem Fluch getroffen zu werden, ist zugegebenermaßen äußerst gering, ich aber war in dieser nebeligen Vollmondnacht auserkoren und sollte neun Monate später das Licht dieser Welt erblicken, den unheilvollen Fluch im Gepäck.

 

Familie

Meine Mutter Christiane hatte dieselbe Schule besucht wie ein gewisser Otto W., der später mit Fernsehshows und Filmen berühmt wurde. Wir kennen unter anderem seine haarsträubende Theorie zum Thema der Entstehung von Ebbe und Flut durch die zufällige Begegnung des Meeres mit einem Ostfriesen. Wir lieben seinen sprechenden Föhn und viele andere unvergleichbar großartige und zum Teil tiefsinnige Werke aus seiner Feder.

Meine Mutter hatte nie Augen für Otto, er war nicht ihr Typ, auch konnte sie damals nicht wissen, welch gute Partie sie verpasste und dass sie mir möglicherweise den Fluch erspart hätte, wäre ihre Wahl auf Otto gefallen.

Mittlerweile arbeitete meine Mutter für die Telefongesellschaft. Dass sie ihren langsam dicker werdenden Bauch und ihre Übelkeit diesem Paul und der folgenschweren Nacht auf dem Friedhof zu verdanken hatte, ahnte sie zunächst nicht. Ihre Mutter Erna hatte zwar stets sehr viel Fantasie aufgebracht, um sich immer neue Foltermethoden für ihre eigenen Kinder auszudenken und diese fortlaufend zu modifizieren, zu einer sinnvollen Erziehung, die zum Beispiel das nicht unwichtige Thema Aufklärung beinhaltet hätte, war sie nie fähig oder willens gewesen.

Natürlich war es irgendwann allen Beteiligten klar, Christiane war mit mir schwanger. Paul entzog sich der Verantwortung, was er im Übrigen später noch zwei weiteren Frauen und ihren gemeinsamen Kindern antat. Hier mein Gruß an meine Leidensgenossinnen:

"Hallo ihr lieben Halbschwestern, ich grüße euch ganz herzlich und hoffe, es geht euch gut."

Es ist nicht zu beschönigen, ich war ein ungeborener "Bastard", so nannte man damals Kinder, die ohne Vater zur Welt gekommen waren oder noch kommen sollten, und ich war verflucht, was keiner wusste, auch ich nicht, noch nicht.

Mein Großvater und seine Gemahlin Erna jedenfalls hatten Angst, sie hatten Angst um ihren guten Ruf, sie hatten Angst, sich dem Spott "der Leute" auszusetzen. Ich frage mich übrigens immer wieder, wer mit "diesen Leuten" gemeint ist. Vielleicht wissen es die Leser. Ein Bastard wie ich es schien in einer angesehenen Kapitänsfamilie jedenfalls ein absolutes Tabu zu sein.

Welch glückliche Fügung also für Erna, dass meine Mutter noch minderjährig war, denn damals wurde man erst mit einundzwanzig volljährig. Ebenfalls zum großen Vorteil für die Kapitänsfamilie gereichte die Tatsache, dass es immer noch geschlossene Mütter- und Säuglingsheime gab. In eines dieser Heime konnten meine Großeltern ihre Tochter, meine Mutter, mitsamt ihrem unerwünschten Balg einweisen lassen, sofern sie das wollten, in der Hoffnung, "die Leute" würden nichts von dieser unsäglichen Schande erfahren.

Es ist nicht überliefert, wer damals die Idee hatte, meine Mutter in ein geschlossenes Heim einweisen zu lassen, mein Großvater oder meine Großmutter. Es spielt auch keine Rolle mehr, nennen wir es der Einfachheit halber wohlwollend eine unüberlegte, kollektive Grausamkeit aus Unkenntnis und Egoismus heraus.

Man dachte also tatsächlich darüber nach, meine Mutter einweisen zu lassen, zunächst um Zeit zu gewinnen und weitere Schritte zu planen. Freunden und Bekannten könnte man erzählen, meine Mutter sei plötzlich und unerwartet schwer krank geworden und müsse längere Zeit auf Kur bleiben. Auf diese Weise konnten meine Großeltern, sofern alles gut ging, sogar noch in den Genuß von zahlreichen Mitleidsbekundungen kommen. Wenn das nicht ein perfekter Plan war.

Natürlich war der Plan perfide aber nicht sonderlich intelligent und alles andere als perfekt. Meine Großeltern konnten nicht wirklich der Meinung sein, "die Leute", wer immer die auch waren, würden diese hanebüchene Geschichte glauben.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bis in die siebziger Jahre hinein verschwanden zigtausende gesunde, junge schwangere Mädchen in Deutschland plötzlich in "kurativen" Einrichtungen, Jungens aus anderen Gründen natürlich ebenfalls.

Viele wussten, was tatsächlich passierte aber keiner sprach in der Öffentlichkeit darüber, leider schon zum damaligen Zeitpunkt kein Novum mehr in Deutschland, ich meine, dass man über gewisse Dinge nur hinter vorgehaltener Hand sprach und spricht.

Auch ich komme an dieser Stelle nicht daran vorbei, den "Zeigefinger zu erheben", selbst wenn meine Intention, ein heiteres Buch zu schreiben, darunter leiden könnte. Meiner bescheidenen Meinung nach kann die Behauptung, dass kaum einer Kenntnis von den Grausamkeiten im dritten Reich gehabt haben will, nur stimmen, sofern diese nicht stattgefunden hätten. Sie haben stattgefunden und die meisten wussten es.

Auch wussten die meisten, was vielen Jgendlichen nach 1945 wiederfuhr, wenn sie plötzlich verschwanden.

Die betroffenen Jugendlichen wurden eingesperrt, zum Teil über mehrere Jahre hinweg, viele von ihnen mussten Zwangsarbeiten verrichten, wodurch es wiederum einige wenige andere, die von dieser Arbeit profitierten, zu nicht unerheblichem Wohlstand brachten.

Viele der dort zur Welt gebrachten Kinder wurden gegen den Willen ihrer Mütter in wohlhabende fremde Familien "vermittelt". Auch kam es in diesen Einrichtungen zu einer Vielzahl von Fällen sexuellen Missbrauchs, die zum Teil erst heute zu Tage kommen, da die Opfer vor Scham lange Zeit geschwiegen haben. Es gibt keine belegten Zahlen darüber, wie viele Menschen aufgrund der erlittenen Grausamkeiten frühzeitig ihr Leben ließen und nicht mehr die Möglichkeit hatten, ihre Peiniger anzuklagen.

Auch wenn "die Leute" nicht alle Details kannten, so wussten sie zumindest, dass es sich keinesfalls um Rehabilitationszentern handelte. Die gesamte Planung meiner Großeltern war somit eigentlich von Anfang an ziemlich sinnentleert. Ich glaube auch nicht, dass mein Großvater so weit gegangen wäre, Erna wohl schon. Zum Glück für meine Mutter sollte es sowieso ganz anders kommen.

   

Manfred bedeutet "Mann des Friedens"

Wie bereits angedeutet arbeitete meine Mutter zu dieser Zeit als sogenanntes "Fräulein vom Amt", soll heißen, sie vermittelte manuell Telefongespräche zwischen den einzelnen Teilnehmern. Es gab zwar Telefone mit Wählscheiben und einer festen Kabelverbindung zur Telefondose in der Wand, die gewünschten Teilnehmer aber konnte man nur über das sogenannte  "Amt" erreichen.

Die Automatisierung der Telefonie war in Deutschland erst 1966 abgeschlossen. Wir hatten Ende 1962. Heute nicht mehr vorstellbar, dass man nicht einfach direkt anrufen konnte. Wen es näher interessiert, darf gerne die Suchmaschinen im Internet bemühen.

Die Tätigkeit als Telefonvermittler/in war schlecht bezahlt, gesundheitsschädlich und ledigen bzw. verwitweten Frauen sowie Männern mit Behinderungen vorbehalten.

Ihr Paul war weg und meiner Mutter drohte das Heim. Da erschien der sprichwörtliche "Silberstreif am Horizont", sein Name war Manfred, seines Zeichens von Geburt an blind, daher ebenfalls in der Telefonvermittlung tätig, alleinstehend und furchtbar einsam.

Zeitzeugen haben mir viel später versichert, dass Manfred ein sehr guter Mensch gewesen war, meine Mutter hat mir gegenüber immer das Gegenteil behauptet. Ich werde die Warheit nie erfahren, meine letzten Versuche, Kontakt zu ihm aufzubauen, liefen leider ins Leere.

Berufsbedingt konnten Manfred und meine Mutter tatsächlich kostenlos unbegrenzt miteinander telefonieren. Das war so wie heute eine Flatrate, nur ohne Grundgebühr.

Es kam wie es kommen musste, Angst und Einsamkeit bildeten eine Allianz gegen das Fehlen jeglicher Perspektive und schon nach wenigen Telefonaten beschlossen sie, sich zusammenzutun. Meine Mutter floh nach Nürnberg, floh zu Manfred. Meine Großeltern waren sehr erleichtert, meine Mutter hatte zwar ihren schönen Plan der Heimunterbringung durchkreuzt aber sie war weg und es hatte weder Geld noch ein besonders schlechtes Gewissen gekostet.

Manfred und meine Mutter heirateten sehr schnell, da Manfred der irrigen Meinung gewesen war, er hätte meine Mutter sofort nach deren Ankunft geschwängert. Er wusste nicht, dass meine Mutter mich, den kleinen verfluchten Friesen, bereits mitgebracht hatte, das zumindest haben meine intensiven Recherchen zu diesem Thema ergeben.

Meine Mutter allerdings erzählte mir immer wieder, Manfred hätte mich an Kindesstatt angenommen, was bedeuten würde, er hätte gewusst, dass ich ein "Bastard" war. Ich glaube heute, und das ist eine extrem wohlwollende Annahme, dass meine Mutter ihre Schwangerschaft zunächst aus Scham verschwiegen und dann die Chance genutzt hatte, mich Manfred unterzuschieben.

Dass man aus so einer Nummer nicht mehr herauskommt, liegt auf der Hand. Ich jedenfalls war jetzt kein verfluchter "Bastard" mehr sondern ein verfluchtes "Kuckuckskind", ungeboren und schon ein solcher Karrieresprung, ein gutes Zeichen oder doch nur der Fluch?

 

1963 kam ich mit einem Fluch beladen zur Welt.

Der Vorgang meiner Geburt am 29.07.1963 ist mir nicht mehr voll im Bewusstsein. Es muss wohl eine sehr schwere Geburt gewesen sein, bei der offensichtlich meine Ohren eine bedeutsame Rolle gespielt hatten. Immerhin dauerte es fast fünf Jahre bis diese durch Ankleben mit Pflaster und das Tragen von Mützen zu jeder Jahreszeit (zu dieser Zeit noch nicht modern) wieder in die Stellung zurückgingen, die allgemein für Ohren vorgesehen ist und als einigermaßen ästhetisch bezeichnet werden kann. Mein Fluch dagegen war völlig unbeschadet zur Welt gekommen.

Ich kam bereits introvertiert auf diesen Planeten und so brachten mich sogar mehrere physikalische Impulse der Hebamme auf mein neugeborenes Hinterteil nicht dazu, mich in irgendeiner Form zu artikulieren, ich atmete, das schien mir zunächst genug. Schließlich musste ich mich erst an die neue Situation gewöhnen, was höchste Konzentration erforderte.

Im Gegensatz zu meiner Mutter freute sich Manfred tierische über seinen vermeintlichen Sohn und ich fühlte mich überfordert wie bereits die neun Monate zuvor. Noch heute versuche ich dunkle, enge Räume nach Möglichkeit zu vermeiden.

Offiziell waren es natürlich nur sieben Monate gewesen, da meine Mutter die ersten zwei Monate ihrer Schwangerschaft erfolgreich ausgeblendet und Manfred verschwiegen hatte. Ich war somit eines der sehr seltenen siebenmonatigen Frühchen, die nach erst neun Monaten ganz regulär und voll ausgebildet waren. Ich war eben so etwas wie ein kleines, dickes, glatzköpfiges, häßliches und nicht zu vergessen verfluchtes Wunder.

"Lieber Manfred, sollte dir meine Geschichte zur Kenntnis gelangen oder gelangt sein, so wisse, wir waren beide Opfer von Lügen und Intrigen".

Wer oder was war ich jetzt eigentlich? Ein verfluchtes friesisches Baby im fränkischen Exil? Würde die Entfernung von meiner Heimat den Fluch der Friesen neutralisieren? War ich vielleicht doch nur ein Halbfriese? Würde ich meine Heimat jemals wiedersehen? Wann würde Angela Merkel Bundeskanzlerin werden? Wie lange würde sie es bleiben. Was kann ich dagegen tun?

Viele quälende Fragen, die sich ein derart junger Mensch nicht so einfach beantworten kann. So blieb mir nichts anderes übrig, als mein kindliches Dasein zu fristen und darauf zu hoffen, dass es bald vorbei ginge.

Das einzige, was ich schon damals permament spürte und was mir meine Mutter später mehrfach ungefragt bestätigen sollte, war die Tatsache, dass sie mich nie haben wollte, meine Zeugung ein verdammter Unfall gewesen sei und dass ich ihre Lebensplanung vollständig zerstört hatte.

Dieser leider nicht erfundene Umstand hat mich lange Zeit außerordentlich belastet und es hat ewig gedauert, bis ich in der Lage war zu sagen:

"Shit happens and live goes on."

 

Kinderjahre sind keine Herrenjahre.

Wer noch Erinnerungen an seine Kindheit hat, weiß, dass diese Eigenart des Knuddelns und Knutschens durch entfernte Verwandte oder flüchtig bekannte andere Erwachsene nicht grundsätzlich auf die Gegenliebe eines Kindes stößt, zumindest nicht auf meine.

Sehr unangenehm auch das Abwischen des kleinen Gesichtes mit einem von fremdem Speichel benetzten Taschentuch. Da verzichtet man doch lieber auf Eis und andere Leckereien. Ob Eltern das jemals begreifen werden? Sie haben es als Kinder alle selbst erlebt und gehasst, das sie es selbst wieder tun kann eigentlich nur eine Form einer späten fehlgeleiteten Rache sein.

Seltsamerweise lassen sich viele Erwachsene immer wieder neue grausame Rituale einfallen, die den "Kleinen" einen kalten Schauer über den Rücken jagen. Beispielsweise Sprüche von irgendwelchen Fremden wie „Ja, wo ist er denn der Kleine?“ obwohl man direkt vor dem Fragenden im Kinderwagen liegt.

Später dann werden die Methoden noch modifiziert: Die Mutter zeigt der ersten Sexpartnerin ihres Sohnes Bilder, auf denen der "Kleine" noch ganz süß und nackt mit seinem Teddy oder irgendwelchen Körperteilen spielt. Diese Aufzählung von Grausamkeiten, die Kinder erleben müssen, ließe sich unendlich fortführen. Ich schwöre, wenn ich Kinder gehabt hätte, hätte ich sie von dieser Folter verschont.

Ich zähle mich heute tatsächlich zu den nicht unintelligenten, kommunikativen, konstruktiven und kooperativen Zeitgenossen. Ob das so ist, sollen andere entscheiden. Diese Entwicklung war in den ersten Jahren meines Lebens nicht einmal ansatzweise zu erkennen, genauso wenig wie die Tatsache, dass ich jetzt, mit weit über 50, noch immer volles Haar habe, welches ich wohl mit ins Grab nehmen werde. Bis ungefähr zu meinem dritten Lebensjahr hatte ich überhaupt keine Haare, sprach nicht, lief nicht und mein Verhältnis zum Töpfchen war eher von Unverständnis und Abneigung geprägt. 

Ich war wie gesagt ein sehr ruhiges Kind und meine Lieblings- bzw. einzige Beschäftigung bestand darin, dümmlich in die Gegend zu glotzen und alles zu schlucken, was man mir in den Mund stopfte. Da man in den sechziger Jahren noch fest daran glaubte, dass Appetit ein untrügliches Zeichen für Gesundheit sei, kann man sich meine damaligen Proportionen unschwer vorstellen. Ich muss zugeben, dass ich heute auch nicht schlank bin, jedoch lassen die Konturen meines Körpers jetzt, zumindest ansatzweise, erkennen, dass ich humanoiden Ursprungs bin.

Meine Mutter und Manfred waren beide berufstätig und verdienten  nicht besonders gut, somit konnte sich keiner von beiden um mich kümmern. Ersatz musste her und Ersatz nahte in Form von Mutters Schwester, meiner Tante, die ebenfalls froh war, dem Einfluss der Kapitänsfamilie entfliehen zu können.

Erst kürzlich traf ich meine Tante nach vielen Jahren in Ostfriesland wieder. Sie machte keinen Hehl daraus, dass sich Ihre Zuneigung zu ihrer Schwester mittlerweile durchaus in Grenzen hält. Dieser Umstand wundert mich aber nicht wirklich, denn nur Gegensätze ziehen sich bekanntermaßen an. Meine Tante aber ist genau so wie ich meine Mutter in Erinnerung habe - außerordentlich egozentrisch.

"Liebe Tante, auch wenn ich mich nicht erinnern kann, bedanke ich mich hiermit herzlich für alles, was du für mich getan hast".

Wenn ich schon dabei bin, die Leser mögen mir verzeihen, möchte ich kurz noch all den Menschen danken, die mich in meinen ersten Lebensjahren anstatt meiner Mutter betreut haben. Meinen Urgroßeltern, Großtante und Großonkel mit Tochter, Meinem Onkel und der Pflegefamilie, an deren Namen ich mich leider nicht mehr erinnern kann.

"Vielen Dank an euch alle und die, die ich möglicherweise vergessen habe."

Nachdem meine Mutter nun verheiratet und ich offiziell ehelich zur Welt gekommen war, stand einer Rückkehr in die Heimat und zur Kapitänsfamilie, zumindest für einen Urlaub, nichts mehr entgegen. Angesichts meiner absolut legitimen Existenz, zumindest auf dem Papier, würden "die Leute" nichts mehr zu reden haben.

Ich war noch sehr klein (wenn auch nicht zierlich), als ich meine erste Reise außerhalb des Mutterleibes antreten durfte, in das gelobte Ostfriesland. Natürlich musste meine Mutter meinen Großeltern voher versprechen, dass die Wahrheit meiner Herkunft niemals die Runde machen durfte, der Schein sollte um jeden Preis gewahrt bleiben, bis über den Tod des letzten verfluchten Friesen hinaus.

Ich weiß nicht, ob meine Mutter dieses Versprechen je gebrochen hat, ich tue es mit diesem Buch, denn zum einen ist es nicht mein Versprechen und zum anderen ist es aus meiner Sicht heraus völlig absurd, einen natürlichen Umstand, der unzählige Male passiert ist und immer wieder vorkommen wird, zu verschleiern.

Das soll allerdings nicht heißen, dass ich nicht auch ein Anhänger von Treue, Gleichberechtigung und einem traditionellen Familienbild bin, ganz im Gegenteil.

Wer sich übrigens für Gender Mainstraming und extreme Verirrungen von Gechlechterrollen interessiert, sollte an dieser Stelle die vorliegende Lektüre unterbrechen und die Suchmaschine mit der Frage nach den Geschlechterrollen in den Philippinen bemühen - Sodom und Gomorrha.

 

Am 1. Juni 1935 war die Reichsmarine des Deutschen Reiches in Kriegsmarine umbenannt worden.

Mein Großvater war im Zweiten Weltkrieg als Korvettenkapitän vor der Insel Kreta in Griechenland gelegen und er versicherte mir glaubhaft, dass es unter seinem Kommando zu keinem einzigen kriegsbedingten Todesfall auf der feindlichen Seite gekommen war, weil er es nicht wollte.

Er trug zwar wie alle Kapitäne das Hakenkreuz an Uniform und Mütze, war aber immer Sozialist gewesen. Als Familienvater musste er sich dem grausamen Regime eben unterordnen, um sich und seine Familie nicht in Lebensgefahr zu bringen. Als Kapitän eines Kriegsschiffes mit einer eingeschworenen Mannschaft schaffte er den Spagat zwischen dem gehorsamen Offzier und dem Menschen, der das Töten verhindern wollte, offensichtlich mit Bravour. Im August 1944 schrieb er auf einer Postkarte, die sich heute in meinem Besitz befindet:

"Geh` der Marine aus dem Wege, weiche weit im Bogen aus, kommst du ihnen ins Gehege, hilft kein Deibel dir heraus". weiterhin schrieb er: "falsch sind alle, frei ist keiner."

Als der Krieg vorbei war, tauschte er die Kapitäns- mit der Schiffermütze, die auch lange Zeit das Markenzeichen Helmut Schmidts (SPD-Bundeskanzler 1974 - 1982) gewesen war, und bekleidete neben seiner Arbeit, jetzt in der Verwaltung, viele Ehrenämter nebenbei, unter anderem als Bewährungshelfer.

Es kann sein, dass jetzt der Eindruck entstanden ist, ich würde den schrecklichen Krieg und den Nationalsozialismus beschönigen. Das aber tue ich genauso wenig wie ich als heutiger Deutscher ein schlechtes Gewissen deswegen habe, ich habe mit dieser Zeit schlicht und ergreifend persönlich nichts zu tun, da ich erst knapp zwanzig Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkrieges geboren wurde.

Vielmehr erzähle ich die Geschichte von meinem Großvater, da ich seine Handlungsweise bezüglich seiner Familie niemals richtig verstanden habe. Einerseits war er der Wohltäter schlechthin und auf der anderen Seite hatte er über Jahrzehnte hinweg ein Verhältnis mit einer anderen Frau als seiner eigenen und ließ es zu, dass die eigene Frau die gemeinsamen Kinder misshandelte, wenn er nicht da war. Hat er es nicht mitbekommen?

Als mir die ganze Tragweite der Mißhandlungen durch Großvaters Frau an den gemeinsamen Kindern klar geworden waren, konnte ich ihn nicht mehr nach dem Warum fragen, da er bereits verstorben war und dieses Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. Fast unnötig zu erwähnen, dass "man" es leider versäumt hatte, mich über seine schwere Krankheit und seinen bevorstehenden Tod zu informieren.

Meine Mutter hatte es offensichtlich mitbekommen und sie wusste, dass ich meinen Großvater sehr schätzte. Wie man mir unlängst erzählte, tat sie zumindest alles, um finanziell von seinem Tod zu profitieren. Das wiederum ist ein Phänomen, das aufgrund seines häufigen Auftretens eigentlich gar kein Phänomen ist.

Doch zurück zu meiner ersten Begegnung mit meinen ostfriesischen Verwandten. Wir fuhren mit dem Zug nach Ostfriesland, ich in meinem eigenen Liegeabteil, einem Kinderwagen, den ich wie ich bereits schilderte nur verließ, um eine andere liegende oder sitzende Position einzunehmen, die optimaler Weise auch noch Nahrungsaufnahme in irgendeiner Form nach sich zog. Heute gehe ich gerne wandern, was vielleicht auch daran liegt, dass ich mir diese Strapazen damals in weiser Voraussicht für einen späteren Zeitpunkt aufgespart hatte.

Die Ankunft in der Stadt meiner Herkunft verlief zunächst eher unspektakulär, in meiner liegenden Position sah alles genauso aus wie immer, ich sah den Himmel, die Wolken und ab und zu ein fremdes Gesicht, das sagte: "Ja wo ist er den der Kleine?". Vielleicht konnte oder wollte ich wegen dieses Satzes lange Zeit nicht sprechen, denn wie soll man diese alberne Frage wahrheitsgemäß beantworten, ohne den Fragenden zu kompromittieren?

So ging es also weiter zum Geburtshaus meiner Mutter, zum Kapitänshaus. Dort angekommen wurden wir von vielen, mir fremden, Leuten empfangen, die meine Mutter aber zu kennen schien und mit denen Sie in einer mir bis dahin unbekannten, sehr lustigen Sprache kommunizierte.

Dann kam das übliche Prozedere, ich wurde herumgereicht, begutachtet, geknuddelt, geknutscht und landete schließlich in den Armen von meiner Oma, über die ich etwa fünfzig Jahre später erfahren musste, dass Sie ihren eigenen Kindern gegenüber furchtbar grausam gewesen war.

Oma mochte ich sofort, sie roch fantastisch nach etwas Essbaren, was sich wenig später als frisch geschälte Krabben herausstellen sollte, die sie mir reihenweise in meinen Mund stopfte. Jetzt liebte ich Oma. Wie Hänsel auf die Hexe war ich auf Oma hereingefallen.

Nur zehn Minuten später erfuhr ich zum wiederholten Male wie vergänglich Liebe sein kann, Oma zeigte mir wie man diese verdammten Krabben schält, sie nannte es "pulen", und ich durfte jedes einzelne dieser kleinen widerspenstigen Viecher aus seinem Panzer befreien, wenn ich es verspeisen wollte, denn mit Panzer schmeckten diese Biester einfach nicht, Gott weiß ich habe es versucht.

Mit meinem unsäglichen Appetit war ich Oma also auf den Leim gegangen, sie hatte mich ausgetrickst und ich musste zum ersten Mal in meinem Leben arbeiten, um etwas zum Essen zu haben. Damals war ich noch der irrigen Ansicht, dass sei eine einmalige Angelegenheit, weit gefehlt.

Als ich das so saß und versuchte, mühevoll meinen Kalorienbedarf zu decken, wurde ich unvermittelt von hinten gepackt und hochgehoben, mein ganzes Leben zog in Sekundenbruchteilen an mir vorbei und ich musste sofort an Hänsel, Gretel und die böse Hexe denken. Ich war gemestet und reif für den Ofen, blanke Panik ergriff von mir Besitz.

"Liebe Eltern, bitte überlegt euch genau, welche Märchen ihr euren Kindern erzählt."

Wie sich herausstellte war es nur Oma, sie hatte mich hochgenommen und meinte lapidar, sie würde mir jetzt meinen Opa, den Kapitän, vorstellen. Meine anfängliche Panik ging in Wut darüber über, dass man mich so feige von hinten von meiner Nahrungsquelle getrennt hatte. Schließlich aber siegte die Neugierde auf den Kapitän, satt war ich auch, so beruhigte ich mich wieder einigermaßen.

Der Kapitän thronte in seinem Arbeitszimmer. Mit dem gemeinen Volk in Form seiner Familie gab er sich im Allgemeinen nicht ab, man brauchte einen Termin, um ihn zu behelligen. So betraten wir nach Anklopfen sein Allerheiligstes.

Oma sagte, das sein Enkel ihn zu sehen wünsche und er hob nach einer gefühlten Ewigkeit seinen Kopf, blickte mich streng über den Rand seiner dicken Lesebrille hinweg an und sagte: "Na min Jung" (das heißt so viel wie "ich habe dich zur Kenntnis genommen") und fügte hinzu: "ich muss jetzt mal mit deiner Mutter sprechen".

Ich fühlte mich wahnsinnig geehrt ob der herzlichen Worte und wurde wieder in die Küche gebracht, wo ich weiter meine Zwangsarbeit verrichten durfte und darüber nachdachte, ob mich überhaupt irgendjemand ernst nahm. Obwohl mir von ihnen bereits schlecht war, schienen die Krabben an diesem Tag meine einzigsten oder zumindest besten Freunde zu sein. Heute esse ich nur noch selten Krabben, doch sie haben immer noch eine enorm beruhigende Wirkung auf mich.

Wenn ich etwas von meinem Großvater geerbt habe, sind es die stoische Ruhe und die Gabe, im persönlichen Gespräch ohne viele Worte zum Punkt zu kommen. Beides hat nicht nur meine ersten beiden Ehefrauen regelmäßig fast in den Wahnsinn getrieben. Mich hingegen treibt es täglich fast in den Wahnsinn, wenn sich meine Kolleginnen immer wieder minutenlang tuschelnd über Belanglosigkeiten austauschen und meine Konzentration stören. Menschen sind eben unterschiedlich.

 

Mutterliebe entsteht durch Interaktion und das Hormon Oxytocin, sie ist unterschiedlich stark ausgeprägt.

Ich weiß nicht im Detail, worum es in dem Gespräch zwischen meinem Großvater und meiner Mutter gegangen war, die folgenden Ereignisse jedoch sprechen dafür, dass es nicht zuletzt um mich und meine nahe Zukunft ging. Am nächsten Tag fuhren meine Mutter, mein Großvater und ich zu meinen Urgroßeltern. Dann fuhren mein Großvater und meine Mutter wieder weg und ich blieb da. So weit, so schlecht.

Ich bin fast sicher oder vermute zumindest, dass meine Mutter mir gegenüber damals beteuert hatte, mich so bald wie möglich wieder zu holen. Das Dumme ist nur, dass kleine Menschen zwar den Trennungsschmerz empfinden aber nicht begreifen können, dass die Trennung unter Umständen nur vorübergehend ist. Ich war wahnsinnig traurig, später enttäuscht und bin bis heute ein klitzekleines bisschen wütend, wenn ich daran denke und diese Zeilen schreibe.

Meine Urgroßeltern waren die besten und herzlichsten Wesen auf dieser Welt, die mir damals sehr beschissen vorkam. Ich glaube, sie waren die ersten Menschen, die ich wirklich liebte und die mich bedingungslos liebten. Ich hoffe sehr, dass ich ihnen dieses Gefühl damals vermitteln konnte.

Mein Großvater hingegen hatte in Punkto Gefühlsregung seine Defizite aber Geld hatte er ohne Ende, so dass er mich mit Geschenken überhäufte, um mich mit meiner Situation zu versöhnen. Zum Beispiel hatte ich eine riesige rote batteriebetriebene Lokomotive, die man auf dem Tisch fahren lassen konnte, ohne dass sie jemals herunterfiel, heute vielleicht eine "Lachplatte" aber gegen Ende der sechziger Jahre der blechgewordene Traum eines jeden Jungen.

Langsam wich meine anfängliche Trauer einem Gefühl von Geborgenheit und grenzenloser Zuneigung zu meinen Urgroßeltern. Ab und zu besuchte mich meine Mutter, was mich aber nicht mehr sonderlich tangierte, und wenn sie wieder fuhr, fuhr sie eben. Ich war angekommen und wollte niemals mehr woanders hin.

Bei einem ihrer ersten Besuche erzählte mir meine Mutter, dass sie sich von Manfred getrennt hatte, da er sie und mich so schlecht behandelt hätte (war mir nie aufgefallen) und dass ich deshalb vorübergehend bei meinen Urgroßeltern bleiben musste, bis sie sich neu organisiert haben würde. Damit lieferte sie den Grund, warum ich nicht bei ihr sein dürfte, ein wenig spät aber sie lieferte. Ich aber hoffte, die Reorganisation meiner Mutter würde andauern bis ich Volljährigkeit sein würde.

Bei einem ihrer darauffolgenden Besuche erzählte sie dann, dass sie einen neuen, wahnsinnig netten, Mann kennengelernt habe, einen Griechen namens Nico. Verflucht noch eins, sie ließ echt nichts "anbrennen". Mit diesem Nico zusammen wollte sie sich eine neue Existenz aufbauen und mich danach wieder zu sich holen. Bis auf den letzten Part fand ich den Plan eigentlich ganz OK.

Dann kamen sie gemeinsam, meine Mutter und Nico. Nico gab sich alle Mühe, streng nach dem Motto: "Durch die Kinderliebe zum Entree". Er brachte Geschenke mit und ich war glücklicherweise mittlerweile käuflich geworden - oder schon immer gewesen. Dennoch war die unvermeidbare Trennung von meinen Urgroßeltern eines der traumatischsten Erlebnisse meines gesamten Lebens.

In Begleitung eines Elternteils dürfen sich Kinder zeitlich unbegrenzt in Gaststätten aufhalten.

Nico schien in Ordnung zu sein, er hatte ein Lokal, was sonst. Es handelte sich aber nicht wie man erwarten durfte um ein griechisches Spezialitäten-Restaurant sondern eher um eine Spelunke mit angeschlossenem Fußballverein, in dem Nico den Torwart gab.

Nico war mit sechzehn von Kreta (griechische Insel) abgehauen und nach Rhodesien (Afrika) gegangen, wo er zunächst ein paar Jahre als Heizer auf einer Eisenbahn gearbeitet hatte, bis er das Geld für einen Kolonialladen beisammen hatte. Nach Deutschland war er gekommen, um seinen Reichtum und sein Ansehen zu mehren.

Witzig eigentlich, dass Nico ausgerechnet von der Insel stammte, die mein Großvater im Krieg verschont hatte. Die spannende Frage ist, wie Nicos Leben verlaufen wäre, wenn mein Großvater anders gehandelt hätte. Wie wäre mein Leben verlaufen?

Anhand der geschilderten Begebenheit kann man mal wieder sehen wie alles irgendwie zusammen hängt. Wir haben es gesehen und ich kehre zurück zu meiner Geschichte und Nicos Asyl für Alkoholiker.

Das "Trafowerk", so hieß die Kneipe in Nürnberg, beherbergte temporär allerlei zwielichtige Gestalten, die gerne den einen oder anderen, mehr oder minder edlen "Tropfen" zu sich nahmen und in extremen Notfällen mit einer Kleinigkeit fester Nahrung ergänzten.

Sehr schnell fand ich dort auch einen Freund, einen einbeinigen Kriegsversehrten, der mir fast täglich im Suff die gleiche Geschichte erzählte, wo und wie er sein Bein im Zweiten Weltkrieg verloren hatte. Doch keine Angst, ich werde die Geschichte nicht wiedergeben. Jedenfalls weiß ich seit dieser Zeit, was Phantomschmerzen sind.

Nicht mehr so genau weiß ich, was mir plötzlich den Antrieb gab, nicht nur das Gehen und Laufen zu lernen sondern sogar das Rennen. Vielleicht war es das Bewusstsein, dass ich, im Gegensatz zu meinem neuen Freund, zwei gesunde Beine hatte, die ich benutzen sollte. Wahrscheinlicher jedoch ist die These, dass Wegrennen die effektivste Methode war, mir diese oft lästigen Betrunkenen vom Leibe zu halten.

Auch redete ich immer mehr, meine häufigsten Wöter waren "Nein" und "Danke", wenn man mir wieder einmal anbot, eine der Anektdoten aus dem Krieg anzuhören.

Ich durfte jeden Tag essen was ich wollte und was auf der Speisekarte stand. Currywurst mit Brötchen, Wiener Würstchen mit Brötchen oder Suppe aus der Dose mit Brötchen, dazu gab es wahlweise Cola, Sprite, Spezi oder Fanta. Da ich schon fast fünf Jahre alt war, ließen mich manche Gäste auch ab und zu an ihrem Bier nippen. Andere Kinder hätten mich sicher beneidet, leider hatte ich keinen Kontakt zu ihnen, denn ich war das einzige Kind, dass sich in diesem Etablissement aufhielt.

 

UN Kinderrechtskonvention Artikel 7, Absatz 1: "Ein Kind hat das Recht seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden"

Als meine Mutter wiederum schwanger wurde, war die aktuelle Wohn- und Arbeitssituation auf einmal nicht mehr tragbar und sollte umgehend verbessert werden, wobei ich entweder hinderlich war oder man mir die Strapazen ersparen wollte, an dieser Verbesserung mitzuwirken.

Auch wenn ich die wahren Gründe nie erfahren habe, kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich in eine sehr nette Pflegefamilie gekommen war und jetzt sogar Kontakt zu anderen Kindern hatte. Diesmal war ich nicht in Ostfriesland untergebracht sondern in der Nähe, so dass, zumindest theoretisch, die Möglichkeit bestand, dass man mich des öfteren besucht. Ich glaube, meine Mutter hatte leider nicht genug Zeit, diesen Vorteil zu nutzen, schließlich musste sie wieder einmal alles in ihrem Leben ändern, wobei ich eher hinderlich gewesen wäre.

Ich meiner Pflegefamile gab es noch zwei weitere Kinder, ein Mädchen, etwas älter als ich und einen Jungen, etwas jünger als ich. Und obwohl ich nicht das leibliche Kind war, wurde ich sehr zuvorkommend behandelt. Nein - tatsächlich wurde ich geliebt und verwöhnt.

Ich musste als Kind irgend etwas an mir gehabt haben, was Menschen dazu bringen konnte, mich zu mögen, irgend etwas anderes als mein unstillbarer Drang nach Lebensmitteln und meine stoische Ruhe. Vielleicht konnten es manche Menschen spüren, dass ich verflucht war und hatten deshalb Mitleid.

Als der Tag kam, an dem ich mein neu geordnetes Leben in der lieb gewonnenen Pflegefamilie aufgeben musste, um dahin zu gehen, wo ich angeblich hingehörte, zu meiner Mutter, die Nico inzwischen geheiratet hatte, war ich nicht so traurig wie an dem Tag, als ich mich von meinen Urgroßeltern trennen musste.

Ich war wütend und ich hatte Angst vor der Zukunft, vor allem davor, dass meine mittlerweile geborene Halbschwester mir vorgezogen werden könnte. Natürlich war ich mir dieser Furcht damals nicht bewusst, heute aber bin ich es. Das Urkind in mir hatte Angst, dass die Nahrung nicht für alle reichen könnte.

Glücklicherweise stellten sich meine Ängste als völlig unbegründet heraus, meine Mutter und Nico hatten ein riesiges, wunderschönes Kaffee mit dem Namen "Attika" eröffnet und ganz in der Nähe eine ebenso schöne Wohnung gemietet. Meine Halbschwester wurde mir keineswegs vorgezogen, mit sofortiger Wirkung bekam ich die Verantwortung für sie übertragen, schließlich war ich jetzt schon fast sechs Jahre alt, alt genug, um diese Verantwortung schätzen, lieben und ihr gerecht werden zu können.

Tagsüber waren meine Halbschwester und ich bei unseren Eltern im Kaffee, ich durfte bei den Damen Kuchen schnorren und mir im Gegenzug anhören wie süß ich sei, meine Halbschwester lag untätig in ihrem Kinderwagen herum und kam in den Genuss von: "Ja wo ist sie den die Kleine?", im Hintergrund lief ein Tonband mit Roy Black, den Beatles, Tom Jones, Peter Alexander, Heintje und anderen Stars dieser Zeit. Der Kreis hatte sich scheinbar geschlossen und alles schien gut zu sein, den Fluch hatte ich vergessen.

 

Geschwister - Zwischen Liebe und Hass

Meine beiden Halbgeschwister väterlicherseits (leiblich), Pauls Töchter hatte ich bereits erwähnt. Zur einen hatte ich 2016 kurz Kontakt, doch mein mangelnder Familiensinn, von dem ich ebenfalls bereits erzählte, verhinderte eine Vertiefung dieser Beziehung. Die zweite habe ich nie kennengelernt. Ebenfalls kurz erwähnt hatte ich meine Halbschwester mütterlicherseits, Christines und Nicos Tochter, die fünf Jahre jünger ist als ich und fünfzehn Jahre ihres Lebens mit mir verbringen musste. Dann gibt es noch einen Halbruder, Christines und Nicos Sohn, zehn Jahre jünger als ich und ungefähr zehn Jahre an meiner Seite. Von beiden weiß ich nicht, wie es ihnen inzwischen ergangen ist.

"Liebe Halbschwester, ich wünsche dir und denen, die du schätzt, von ganzem Herzen alles Gute und ich entschuldige mich dafür, dass ich dich in deinem Hochstuhl fast verbrannt hätte, ich war fünf oder sechs Jahre alt und wollte dir mit dieser Kerze wirklich nur eine Freude zum Geburtstag bereiten."

"Lieber Halbbruder, dir wünsche ich ebenfalls alles Gute und habe dir längst verziehen, dass du mir einmal mit dem Holzhammer aus deinem Kinderwerkzeugkasten auf den Kopf gehauen hast, als ich friedlich schlummerte. Sicher wolltest du nur experimentieren und hast Ursache und Wirkung erforscht."

 

Das Mindestalter der Einschulung ist in Bayern 5 Jahre und 11 Monate am 30. September.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich nie einen Kindergarten von innen gesehen habe. Ich hatte seit ich denken kann wirklich wichtigeres zu tun, als mit Gleichaltrigen sinnlos die Zeit totzuschlagen. Wenn ich es aus heutiger Sicht betrachte, war ich mit sechs Jahren eigentlich schon erwachsen, so gab ich mich zumindest, was weder bei anderen Kindern noch bei Erwachsenen immer auf Verständnis und Gegenliebe stieß.

Heute verstehe ich, dass altkluge Arroganz irritierend sein kann, nicht nur wenn sie einem von einem Kind im Vorschulalter entgegengebracht wird. Das bringt mich zu vielleicht dem dunkelsten Kapitel meines Lebens, die Schule, an der selbst ich nicht vorbeikam, denn im Gegenteil zum Kindergarten, war Schule in Deutschland schon damals ein Pflichtprogramm für alle.

 

 

 

Ende Juli 1969 wurde ich sechs Jahre alt, im September darauf sollte ich in eine staatliche Grundschule in der Nähe unseres Wohnortes eingeschult werden. Nicht nur zu früh, sondern auch völlig unnötiger Weise wie ich damals befand. Nico teilte im Übrigen meine Einschätzung der Situation und war bereit, mir die nötigen Dinge, die ein Gastronom braucht, innerhalb weniger Stunden selbst beizubringen, schließlich sollte ich eines Tages sein Nachfolger werden.

Das war das erste Mal, dass ich für diesen Mann aufgrund seiner pragmatischen Denkweise so etwas wie Hochachtung empfand.

Meine Mutter aber überstimmte uns. Eine Person überstimmte zwei andere Personen, die gleicher Meinung waren, ein Phänomen, das ich noch oft in meinem Leben erfahren sollte aber niemals ganz verstanden habe. Ich bringe an dieser Stelle meine Hoffnung zum Ausdruck, dass unsere Demokratie bitte nicht auf einem solchen System fußt. Die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt.

Wohlwissend, dass ich nach wie vor kulinarischen Genüssen, insbesondere in Form von Süßigkeiten aller Art, nur schwer oder besser gesagt gar nicht wiederstehen konnte, wurde ich wie der Esel mit der Möhre, in diesem Fall mit einer Schultüte, die größer war als ich, in mein sicheres Verderben gelockt.

Ich fühlte mich schlecht vor Unbehagen gegenüber der Einschulung, mir war so übel wie es mir selbst nach dem Genuss von Unmengen von Eis noch nie gewesen war, so durfte ich die erste Schulwoche daheimbleiben. Damit hatte ich zwar ein bisschen Zeit gewonnen aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Mittlerweile hatte sogar Nico die Seite gewechselt und redete gemeinsam mit meiner Mutter auf mich ein. Phrasen wie "Du bist doch schon ein großer Junge" oder "Schließlich soll aus dir was werden" erreichten mich genauso wenig wie die Anspielungen auf meine angeblich überragende Intelligenz, die es wert sei, gefördert zu werden. Als selbst Süßigkeiten und wertvolle Geschenke nicht dazu führten, mich für die Schule zu begeistern, zwang man mich eben mit sanfter psychischer Gewalt: "Du gehst jetzt dahin, sonst kommst du ins Heim".

Die Schule war gar nicht so übel wie ich zunächst gedacht hatte, sie war noch wesentlich übler. Ich war umgeben von kleinen Kindern, die weder lesen noch schreiben geschweige denn irgendwelche sonstigen Erfolge vorweisen konnten.

Lesen hatte ich bereits aus der Fernsehzeitung gelernt, an den vielen einsamen Abenden, an denen ich zu Hause allein auf meine schlafende Schwester aufpassen durfte. Auch konnte ich schon recht gut in Druckbuchstaben schreiben, schließlich nahm ich in unserem Kaffee ab und zu die Bestellungen auf. Was ich partout nicht konnte oder vielleicht auch nicht wollte war sogenannte Schreibschrift mit einem Ding, das sich Füllfederhalter schimpfte und den Namen Pelikan trug. Gut, dass Nico viel Geld verdiente, mein Verschleiß an diesen Dingern hätte ein mittleres Einkommen restlos aufgebraucht.

Schönschrift war also und wurde nie eine meiner besonderen Fähigkeiten, noch in der Oberstufe musste ich mir von meinen Deutschlehrern des öfteren anhören, ich hätte eine Eins anstatt einer Zwei für meinen Aufsatz bekommen, sofern die Korrektur mangels Leserlichkeit nicht den ganzen Abend gedauert hätte.

Unterbewusst wartete ich schon Ende der sechziger Jahre auf die Erfindung des Computers für alle, die allerdings noch einige Zeit auf sich warten lassen sollte, weshalb ich mir zwischzeitlich erst mit einer mechanischen und dann einer elektrischen Schreibmaschine behelfen musste.

Da saß ich nun, des Lesens und Schreibens einigermaßen mächtig, bei dem Versuch ein schön geschriebenes "A" in höchster künstlerischer Vollendung zu Papier zu bringen, mit einem Instrument, das seit Erfindung des Kugelschreibers als zumindest aus der Mode gekommen bezeichnet werden konnte. Da Geduld niemals zu meinen Stärken gehörte, misslang jeder neue Versuch, so dass ich aufgab.

Im Rechnen verhielt es sich ähnlich, ich konnte bereits rechnen. Eine Tasse Kaffee = 1,00 DM, ein Stück Sachertorte = 1,60 DM, ein Chantre (Weinbrand) = 2,20 DM, das sind zusammen 4 Mark und 80 Pfennig. Wenn mir der Gast ein Fünfmarkstück gab und nichts sagte, musste ich ihm 20 Pfennig wiedergeben, wenn er sagte "stimmt so!", durfte ich die 20 Pfennig behalten und später für Brausepulver verprassen. Daran dachte ich als ich versuchte, den "Pelikan" dazu zu bewegen, eine wunderschöne "8" aus seinem Hals fließen zu lassen, vergeblich.

Wer nicht schön schreiben kann, kann auch nicht schön malen, musste ich feststellen. Das Raumschiff "Orion" aus der Fernsehserie "Raumpatrouille" konnte ich sehr gut zeichnen, genauso wie Fluchtpläne aus Gefängnistrakten oder ähnliche Dinge, notfalls sogar noch ein Haus. Klare Formen und Strukturen lagen mir. Bei Pflanzen, Tieren und Menschen sah die Sache wiederum ganz anders aus, bei mir völlig anders, ohne jegliche Ähnlichkeit zur Realität. Weitere Fächer waren Sport und Religion, Musik möchte hier lieber unerwähnt lassen.

Sport war auch so eine Sache. Ich befand mich in einer extremen Wachstumsphase, das heißt, meine Extremitäten wuchsen in einer Geschwindigkeit, die viel höher war als das Tempo der Entwicklung der erforderlichen Motorik. Einfach ausgedrückt, ich hatte Arme und Beine nicht im Griff und bewegte mich wie ein Blechbüchsensoldat der Augsburger Puppenkiste.

Im Sport konnte ich also auch nicht punkten. Einzig im Fach Religion hatte ich eine glatte Eins, was aber weniger meinen Leistungen als der Nächstenliebe des Lehrers geschuldet war. Dennoch fiel ich, was die Schule betraf, immer mehr vom Glauben ab.

Bereits nach wenigen Monaten Schule in der ersten Klasse, sah meine Klassenlehrerin meine Versetzung in die zweite Klasse gefährdet und empfahl die Konsultation des schulpsychologischen Dienstes. Der Psychologe war sehr nett, zeigte mir eigenartige Bilder und stellte dazu seltsame Fragen. Nach nur einer Sitzung hatte er eine Erkenntnis und die dazugehörige Diagnose parat: Ich sei zwar außerordentlich intelligent und verfüge über ein ausgeprägtes Sozialverhalten, wäre aber einfach noch nicht soweit, zur Schule zu gehen, schließlich sei ich eben erst sechs Jahre alt geworden.

Heute zweifele ich an der Richtigkeit seiner Einschätzung und sehe die Gründe für mein Versagen eher in einer heillosen Unterforderung, die mir damals zu Teil wurde, doch Unterforderung wurde in den sechziger Jahren nur sehr selten in einen möglichen Zusammenhang mit Kindern und Schule gebracht. Diese Idee etablierte sich erst später. Damals jedoch hätte ich diesen Mann am liebsten an Vaters statt angenommen. Dieser Mensch mit Einfluss, der mir überdurchschnittliche Intelligenz bescheinigte und mich im gleichen Atemzug von der verhassten Schule befreite, dieser Mensch war mein Superheld, denn ich wusste noch nicht um die langfristigen Folgen seiner Diagnose in Kombination mit dem Fluch, den ich in mir trug.

 

Die Waldorfpädagogik beruht insbesondere auf der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners.

Bevor ich mich einem meiner Lieblingsthemen widme, meiner Zeit in einer Waldorf-Schule, möchte ich etwas Grundlegendes anmerken.

In meinen Augen haben alternative pädagogische Ansätze in bestimmten Fällen sicher ihre Berechtigung. Ob die Waldorfschule für mich die richtige Schulform war oder ob es grundsätzlich eine gute Schulform ist, kann ich heute weder dementieren noch bestätigen, ich weiß es einfach nicht.

Sicher ist aus dem Großteil von uns etwas geworden und wir haben es fast alle mehr oder weniger "zu etwas gebracht". Mir stellt sich jedoch immer wieder die Frage, inwieweit die besonderen Schulformen bzw. deren pädagogische Ansätze den Werdegang immer positiv beeinflussen und ob eine andere Schule für mich nicht besser gewesen wäre. Deshalb ergeht folgender Apell an die wenigen Leser, die es bis hierher geschafft haben:

"Liebe Eltern, ich bin zwar verflucht, möchte aber dennoch an euch appellieren, die Augen weit aufzumachen, wenn ihr plant, euer Kind in eine alternativpädagogische Einrichtung zu geben. Vieles ist Augenwischerei oder aber entbebehrt zumindest nicht einer gewissen Komik, was ich im folgenden Abschnitt gerne darlegen werde."

Im September 1970 wurde ich also ein zweites Mal eingeschult, diesmal in eine Waldorfschule. In erster Linie aufgrund meiner Diagnose aber auch weil es schick und teuer war - Nico liebte es schick und teuer. Vorausgegangen war wiederum mittelbarer Zwang, so dass die Schultüte kleiner gehalten werden konnte als beim letzten Mal.

Schon am ersten Schultag beschloss ich, diesmal durchzuhalten. Nach meinem Dafürhalten war ich in einem Kindergarten gelandet, nicht in einer Schule. Ich befürchtete, eine weitere Einschulung würde mich in eine Einrichtung für Kleinstkinder befördern.

In der Waldorfschule durften (ich musste) wir den ganzen lieben Tag lang singen, tanzen, klatschen, mit den Armen kreisen, uns an die Knie, Füße, Ellbogen und Ohren fassen, auch über Kreuz. Der Lehrer machte es vor und alle machten mit.

Für diejenigen unter den sportaffinen Leserinnen und Lesern, die sich das so gar nicht vorstellen können: Es war so ein bisschen wie heute Zumba oder früher Aerobic im Fitnessstudio, nur dass wir Kinder waren und dadurch schreiben lernen sollten. Ich konnte lesen und schreiben!!!

Später dann wurden innerhalb von nur jeweils wenigen Tagen einzelne Buchstaben entwickelt wie zum Beispiel das kleine "f" aus einem auf dem Schwanz stehenden Fisch mit je einer Flosse rechts und links oder das große "K" aus einem stehenden König, der einen Arm nach oben und den anderen Arm nach unten gestreckt hatte, warum auch immer. Obwohl ich alle Buchstaben bereits kannte, bin ich heute froh, dass ich seitdem diese "Eselsbrücken" habe, falls ich einmal vergessen sollte wie ein Buchstabe geschrieben wird.

Der Begriff "Eselsbrücke" stammt übrigens daher, dass Esel nicht gerne durch Bäche und Flüße gehen, so dass man diesen fleischgewordenen "Transportmitteln" extra Brücken bauen muss. Heute nennt man es eher politisch korrekt "Merkspruch". Wieder etwas gelernt. Dass wir ab und zu von unseren Lehrern als "Esel" bezeichnet wurden, steht damit nicht im Zusammenhang, es waren einfach noch andere Zeiten und der Ton des pädagogischen Fachpersonals war rauer als heute.

 

Der Begriff "Eurythmie" kann als "schöne Bewegung" übersetzt werden, zutreffend oder nicht.

Der Fluch jeder ehemaligen Schülerin und jedes ehemaligen Schülers einer Waldorfschule ist es, aufgefordert zu werden, den Namen zu tanzen, sobald man sich als "Waldi" (Waldorfschüler) geoutet hat. Das ist mir unzählige Male widerfahren, sogar in einem Vorstellungsgespräch wurde ich einmal gefragt, ob ich meinen Namen noch tanzen könne. Ich habe es verneint, das Jobangebot abgelehnt und in meinem Lebenslauf ab sofort die neutrale Form "Allgemeine Volks- und höhere Schule" genutzt.

Nein, Nein und nochmals Nein, ich kann meinen Namen nicht mehr tanzen und will es auch nicht! Ich glaube, ich hatte zehn Jahre lang, zwei Stunden pro Woche Eurythmie. Flüche können grausam sein, insbesondere der Friesenfluch.

Man möge mir folgenden Vergleich verzeihen, insbesondere die treuen Anhänger Rudolf Steiners: Meine Zeit bei den Gebirgsjägern der Bundeswehr und meine Eurythmiestunden kann ich am besten mit folgendem Spruch, der allerdings nicht von mir stammt, beschreiben: "Wir trugen seltsame Gewänder und irrten ziellos umher".

 

"Denken, Fühlen und Wollen" oder "Der Mensch denkt und Gott lacht".

Der Name Waldorf-Schule stammt übrigens von der "Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik", denn die erste Schule Rudolf Steiners wurde für die Kinder der Arbeiter dieser Fabrik gegründet. Das ist dahingehnd interessant, als es uns Schülern so lange wie möglich verheimlicht wurde. Rauchen übrigens war wie so vieles andere aus Sicht der Schule Teufelswerk.

Auch wenn ich es nicht gerne zugebe, muss ich eingestehen, dass auch ich in der Rudolf-Steiner Schule viele Dinge lernen konnte, die mir von Nutzen waren, sind und weiter sein werden. Dinge, die man heute Hard- und Softskills nennt. Wenn ich nicht Eingeweihten erzähle, was wir alles tun durften oder zum Teil auch mussten, bekommen nicht wenige große Augen und Ohren.

Wir haben gepflanzt und geerntet, wir haben Landschaften vermessen. Wir haben gestrickt, gehäkelt, gewebt, gestopft, gestickt und genäht, genäht haben wir manuell und maschinell. Wir haben gezeichnet, gemalt, gedichtet, geschauspielert, gesungen und geflötet. Wir haben Kerzen gezogen, geschnitzt, geschmiedet und geklöppelt. Wir haben Englisch, Französisch und Latein gelernt und uns mit der altdeutschen Schrift sowie der altgriechischen Sprache befasst. Nebenbei hatten wir alle anderen notwendigen Fächer wie Deutsch, Geschichte, Mathematik, Physik, Chemie, Biologie, Sport und Ethik. Der Eurythmie habe ich ja bereits ein eigenes Kapitel gewidmet. Da es allerdings unmöglich ist, all das Gelernte in Vollendung zu beherrschen, komme ich zum Notensystem der Waldorfschule.

 

Sind Schulnoten tatsächlich nur abstrakte Zahlen?

Die Waldorfpädagogik distanziert sich von der Auslese und verzichtet deshalb in den ersten acht Jahren auf eine Benotung anhand von abstrakten Zahlen von 1 (sehr gut) bis 6 (ungenügend). Das ist einer der Punkte, die ich heute aus eigener Erfahrung heraus kritisch sehe, da diese Vorgehensweise in extremer Diskrepanz zur leistungsorientierten Realität steht. Als Beispiel nehme ich die Mathematik.

Wenn ich heute versuche, mich an das Gesicht meines Mathelehrers zu erinnern, will es mir einfach nicht gelingen. Wenn ich die Augen schließe und es versuche, sehe ich einen beige-braunen Cordanzug von hinten, der mir völlig unbekannte Zahlen- und Buchstabenkombinationen an die Tafel schreibt und diese in einer nie gehörten Sprache kommentiert. Der eine oder andere wird dieses Gefühl kennen und mir beipflichten.

Das Problem war, dass es mir und meinen Eltern erst am Ende der neunten Klasse schlagartig klar wurde wie schlecht ich, der Lehrer oder wir beide in den vergangenen Jahren gearbeitet hatten. Wo jetzt eine 5 im Zeugnis stand, stand acht Jahre lang immer wieder so etwas wie: "war still und aufmerksam", "bemühte sich, den Anschluss zu finden", "machte wieder Fortschritte" und ähnliche undurchsichtige Formulierungen.

Damals war ich sicher froh, dass man mich nicht mit Noten behelligte, da ich weder Mathe noch den dazugehörigen beige-braunen Anzug mochte. Heute aber glaube ich, man hätte besser daran getan, viel früher darauf hinzuweisen, dass ich in Mathematik einfach grottenschlecht war, gegebenenfalls auch durch eine Note in Form einer abstrakte Zahl, mit der mindestens 95% der deutschen Bevölkerung etwas anfangen kann. Es hat mich später viel Freizeit und noch mehr Mühe gekostet, die entstandenen Defizite zu kompensieren.

Um die Sinneslehre mancher Beurteilungen zu belegen und um dieses Kapitel mit einem Augenzwinkern zu beenden, hier ein Zitat aus einem meiner Zeugnisse der Waldorf-Schule im Fach Musik: "Manfred konnte sehr gut mit seiner Flöte umgehen".

Meine Mutter und Nico freuten sich sehr über derart positive Bemerkungen und sahen keinerlei Veranlassung in meine schulische Laufbahn einzugreifen. Hätten sie sich auch nur ein einziges Mal mein Flötenspiel angehört, hätten sie gewusst, dass ich vieles kann aber keinesfalls Flöte spielen.

Umgehen konnte ich mit der Flöte tatsächlich, fast täglich lieferte ich mir mit anderen musikalischen "Blindgängern" heftige Schwertkämpfe mit besagtem Instrument. Mein Musiklehrer hatte somit die Wahrheit ins Zeugnis geschrieben, ohne mich oder sich selbst zu diskreditieren. Ich konnte sogar sehr gut mit meiner Flöte umgehen, fast jeden Schwertkampf konnte ich für mich entcheiden. Natürlich nicht nur mit der Flöte sondern auch mit dem obligatorischen Kupferstab im Fach Eurythmie.

Ungefähr die Hälfte der heutigen 12 - 16jährigen Schüler in Deutschland hat schon einmal neben dem Schulbesuch gearbeitet, viele von ihnen mehrfach.

Die Jahre vergingen, ich hatte mich einigermaßen an die Alternativpädagogik gewöhnt und meine Klassenkameraden näherten sich bedrohlich meinem Wissens- und Kenntnisstand. In den Naturwissenschaften und Fremdsprachen fingen einige an, mich zu überflügeln, was mich aber eher nicht sonderlich tangierte, denn ich hatte wie immer wichtigere Dinge zu tun.

Ich war jetzt zehn Jahre alt und mein Halbbruder, Dimitri, war gerade geboren. Für Mädchen hatte ich noch nicht viel übrig, das sollte noch dauern, weshalb ich auch die immer wiederkehrende Frage, ob ich Sandra Bullock kenne, die zur gleichen Zeit wie ich dieselbe Schule besuchte, wahrheitsgemäß mit "ja, aus Film und Fernsehen" beantworten muss.

Wir wohnten mittlerweile in Nürnberg, Sankt Leonhard, der Familienzuwachs hatte den Bedarf nach einer größeren Bleibe bedingt. Nico hatte ein neues Geschäftsmodell entdeckt, mit dem er nun endgültig reich werden wollte, um es seiner griechischen Familie und seinen griechischen Pokerfreunden richtig zeigen zu können.

Nico war einer der ersten, der erkannte, dass man amerikanischen Soldaten fern ab ihrer Heimat alles verkaufen konnte, was ihnen auch nur im Entferntesten amerikanisch vorkam. Er verkaufte Pizza, Hamburger, Cheese-Fries (mit Käse überbackene Pommes), Steak-Sandwiches und vieles mehr, erst aus einem Imbisswagen später in einem Stehlokal direkt vor der Kaserneneinfahrt in Schwabach.

Er wurde damit tatsächlich reich, was meine Mutter und uns Kinder sehr freute, insbesondere mich beeindruckte das außerordentlich. Auch wenn er Nacht für Nacht nach Feierabend tausende von Mark (den Euro gab es noch nicht) verlor, blieb so viel übrig, dass es uns für ein komfortables Leben reichte.

Ich hatte jetzt sogar Freunde im gleichen Alter und keinen Kontakt mehr zu einbeinigen Trinkern. Freunde hatte ich nicht nur in der Schule, sondern auch auf der Straße in unserem Viertel, auf der ich mich auch den größten Teil meiner freien Zeit aufhielt. Elektronische Alternativen wie Computer gab es ja noch nicht. Wir fuhren Rad, bauten uns Verstecke und spielten Rollenspiele, in denen es immer um Gut und Böse, um Gewinnen oder Verlieren ging. Wahnsinnig viel Spaß hatte ich auch am Gummihüpfen, das eigentlich den Mädchen vorbehalten war und wohl mein erster unbeholfener Versuch war, mich dem fremden Geschlecht zu nähern.

Einmal im Jahr fuhren wir, die ganze Familie, in den Sommerferien in den Urlaub, meistens nach Kreta, wo Nico mit allerlei teuren Geschenken seine Familie beindruckte. Anfangs fuhren wir mit einem Opel Rekord, später mit immer größer werdenden Mercedes-Limousinen. Anfangs die Strecke komplett mit dem Auto, später mit der Fähre von Ancona nach Patras. Ab und zu besuchten wir auch die Familie in Ostfriesland. Es war eine insgesamt unbeschwerte Zeit.

Als potentieller Nachfolger und Erbe von Nicos "Hackfleischimperium" musste ich natürlich wie meine Mutter auch mithelfen, den laufenden Geschäftsbetrieb aufrecht zu erhalten. So brieten wir täglich nach den Hausaufgaben viele Dutzende von Frikadellen, Schnitzel und Steaks in der Küche unserer Wohnung. Die Fleischeslust machte Nico dann am Nachmittag und Abend, bis in die späte Nacht hinein, zu Mark und Dollar, sieben Tage die Woche.

Samstags, sonntags, feiertags und in den Schulferien mussten meine Mutter und ich Nico bei seiner nicht ganz einfachen Aufgabe unterstützen. Als Gegenleistung durfte ich nicht nur die Tageseinnahmen zählen, was mir tierische Freude bereitete, ich bekam sogar einen nicht unerheblichen Anteil, wodurch ich mehr Geld zur Verfügung hatte, als alle meine Freunde aus unserem Viertel und meine Schulkameraden, die zum Teil aus sehr betuchten Verhältnissen kamen. Das Englisch, das ich bei den Soldaten lernte, stieß allerdings nicht auf sehr viel Gegenliebe beim zuständigen Lehrer. But not my fucking problem, money makes the world go around.

Da ich aufgrund meines Familienstatus nie geerbt habe und mein Leben eher holprig verlief, lebe ich heute in bescheideneren Verhältnissen. Keine Aktien, keine Immobilien, keine Konten im Ausland und keine Jacht am Mittelmeer. Ich bin lediglich reich an Erfahrung aber glücklich.

 

Learning by doing

Doch auch in der Waldorfschule mussten wir teilweise sehr hart arbeiten, was mich oft an die Grenzen meiner körperlichen und seelischen Belastbarkeit und darüber hinaus führte, auch bezahlt wurde die Mühe nicht, was ich fast noch schlimmer fand, da ich unbezahlte Arbeit nicht kannte und schon immer der Meinung war, dass sich Leistung lohnen solle.

Ich erinnere mich beispielsweise, dass ich mit für meine kleinen Hände viel zu vielen Nadeln hellblaue Socken stricken musste, was weder meinem Rollenverständnis, noch meinen feinmotorischen Fähigkeiten und schon gar nicht meiner Ungeduld in die Karten spielte. Diese Socken wuchsen, Gott ist mein Zeuge, langsamer als es meine Füße zu dieser Zeit taten und waren mir nach deren Vollendung drei Nummern zu klein. Ich war froh, dass ich zu keiner Zeit auch nur im Traum mit dem Gedanken gespielt hatte, jemals selbst gestrickte Socken zu tragen, lieber hätte ich mir einen Zeh abgefroren. Diese Ansicht sollte ich jedoch später ändern.

Ich möchte an dieser Stelle die gut gemeinte Anregung geben, das Sockenstricken in den Lehrplan der Oberstufe aufzunehmen, dann sind die Füße ausgewachsen und alle Schülerinnen und Schüler haben die Chance auf ein nachhaltiges, pädagogisch wertvolles, Erfolgserlebnis.

Eine ähnlich traumatische Geschichte erlebte ich mit meinem Nussknacker, nur dass diese Arbeit nicht mit meinem Rollenverständnis kollidierte. Wie es den Mädchen dahingehend erging, weiß ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls bekam jeder ein Stück eines Baumes, das ungefähr so groß und schwer war wie man selbst und mit dem man eine 4-Zimmer Wohnung eine ganze Woche lang hätte heizen können. Dazu händigte uns der immer fröhliche und rotbackige Handwerkslehrer ein Messer aus, das aufgrund seiner Größe und Schärfe am ehesten mit einem chirurgischen Skalpell verglichen werden konnte.

Da stand ich nun wie David vor Goliath und fühlte mich, als solle ich tausend Quadratmeter Blumenwiese mit einer Nagelschere in Golfrasen verwandeln. Ein schier sinnloses Unterfangen wie ich meinte und glaube auch mehrfach geäußert zu haben. Offensichtlich hatte ich so viel Respekt vor dieser gefühlten Tonne eines nachwachsenden Rohstoffes, dass ich das Messer, entgegen der Sicherheitsunterweisung, doch erst an einem meiner Finger ausprobierte. Das Messer war so scharf, dass es gar nicht weh tat und ich nur durch das herablaufende Blut auf meinen Fehler aufmerksam wurde, wie auch meine Kameradinnen und Kameraden. Der sichtlich erboste Lehrer setzte mich auf einen Stuhl, versorgte meine Wunde fachmännisch mit einem Druckverband und mich wegen meiner entstandenen Blässe im Gesicht mit Klosterfrau-Melissen-Geist.

Die 79 Prozent Alkoholgehalt brachten nicht nur Farbe in mein Gesicht, ich sah aus wie unser Lehrer, sondern ließen mich auch meinen Respekt vor dem Stück Holz verlieren, so dass ich munter wieder ans Werk ging. Natürlich erging es mir mit dem Nussknacker ähnlich wie mit den Socken, nur dass mein eigenes Wachstum jetzt positiverweise dazu führte, dass der Nussknacker vermeintlich kleiner wurde, obwohl ich ihm mit meinem kleinen Messer nur unwesentlich veränderte.

Über meinen Versuch, einen Aschenbecher aus Ton für meine Eltern herzustellen, werde ich vielleicht eines Tages ein Buch schreiben, mit dem Titel: "Nichtraucher in 192 Stunden".

Besonders perfide war die Tatsache, dass die Eltern, neben dem Schulgeld, auch die von uns verwendeten Materialien wie z.B. Wolle, Holz und Ton bezahlen mussten und dann die Möglichkeit bekamen, die fertigen Produkte auf einem der Schulfeste für teures Geld zu erwerben. Dieses geniale, wenn auch etwas fragwürdige Verfahren wollte ich später als Geschäftsidee in einem Startup Unternehmen in die Realität umsetzen, was mir trotz meiner wirtschaftlichen Ausbildung leider nie gelang.

 

Aristoteles: "Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern".

In der Schule hatte ich wechselnde Freundschaften. Mit Klaus-Dieter, den wir liebevoll "Schleck" nannten, fuhr ich immer Straßenbahn, später gingen wir nach der Schule gemeinsam zum Gitarrenunterricht und glampften, was die Westerngitarren hergaben. Schleck und ich waren ziemlich lange, ziemlich dicke Buddies, wir liebten Bruce Lee, Wolfgang Ambros und Udo Lindenberg und hingen oft mit Michael, genannt "Mibu", seines Zeichens Hobby-Chemiker und Hobby-Zauberer sowie mit Ulrike, genannt "Lumi," rum. Lumi kannte ich schon aus Kleinkindzeiten, wir hatten einmal Haus an Haus gewohnt. Wir vier mochten uns sehr. Schleck ist leider viel zu früh an Krebs verstorben.

"Lieber Schleck, ich danke dir für diese fantastische Zeit und trinke auf dich mein Freund."

Weitere Buddies waren Holger, mit dem ich in den Ferien nach Kainsbach im Nirwana fahren durfte, wo uns einmal die Polizei jagte, weil sie dachten, wir wären Brandstifter, dabei waren wir Pimpfe nur abends mit Taschenlampen durch eine Scheune geschlichen. Richtig gute Kumpel waren auch Jörg und seine Schwester Anette, die beiden gehörten der kommunistischen Bewegung an und brachten mich dazu, meine damals extrem kapitalistische Einstellung zu überdenken, wofür ich ihnen noch heute sehr dankbar bin, auch wenn ich mich jetzt eher in der politischen Mitte aufhalte.

 

Nicht vergessen habe ich Stefan, dessen Alpine-Stereoanlage mehr Power hatte als der VW-Käfer in den sie eingebaut war. Mit Stefan war ich 1982 auf "Sprachreise" in Cambridge (GB), ich glaube, ich habe das schon damals völlig überflüssige Zertifikat immer noch. Die Überfahrt mit Whiskey und Zigarre und die daraus resultierende Übelkeit werde ich nie vergessen. Genauso wenig werde ich vergessen, wie wir direkt im Anschluss mit dem Toyota Starlet meiner Mutter in Südfrankreich waren, um uns von den "Strapazen" des Lernens zu erholen, bei Salamibaguette et un demi litre de biere.

Thomas aus der B-Klasse, ich war in der A-Klasse, war zuständig für NSU-Rennen (Das Fahrzeug NSU, nicht der nationalsozialistische Untergrund). Auch wenn die Suchmaschinen der Geheimdienste jetzt möglicherweise verrücktspielen, die NSU-Rennen auf dem Truppenübungsplatz (NSU ist in diesem Fall ein Kurzwort für Neckarsulm) waren einschneidende Erlebnisse in meinem jungen Leben und müssen daher Erwähnung finden. Thomas war außerdem der Mann, der die krassen Partys organisierte.

Peter aus meiner Klasse war auch ein sehr guter Freund, leider habe ich ihn damals nicht richtig zu schätzen gewusst und heute lebe ich, abgesehen von meinem kleinen Ausflug hier, nicht mehr in der Vergangenheit. Von den Mädels in meiner Klasse mochte ich besonders Steffi, Caroline, Susanne und Elisabeth. Wenn ich allerdings noch einmal darüber nachdenke, hatte ich sie im Laufe der Zeit alle lieb gewonnen, Männlein und Weiblein.

"Liebe ehemaligen Schulkolleginnen und Schulkollegen, ich grüße euch alle ganz herzlich. Leider stoßen Klassentreffen ebenso wie Familienfeste bei mir grundsätzlich nicht auf Gegenliebe, jedenfalls noch nicht, was ihr bitte nicht persönlich nehmen sollt. Sehr freue ich mich aber über eine Mail, in der ihr mir eure Geschichte erzählt"

Apropos Kameradschaft, wir hatten sehr interessante Exkursionen, Ausflüge und Klassenfahrten zusammen. Wir waren Skifahren, was ich damals hasste und mir auch heute noch mühelos verkneifen kann, ich bin eher der Typ Mittelmeer. Wir waren gemeinsam in Amsterdam, wo wir erstmals halbnackte Damen in Schaufenstern betrachten konnten, um kurz danach die Flucht vor Drogendealern antreten zu dürfen, weil einer von uns wieder einmal den falschen Spruch gebracht hatte.

Wir durften Paris unsicher machen, eine wahnsinnig schöne Stadt, in jeder Hinsicht. Leider haben islamistische Extremisten offensichtlich weder einen Sinn für Menschlichkeit noch für Schönheit und hindern somit viele Menschen daran, die wunderbarsten Flecken auf dieser Welt unbeschwert genießen zu können.

Besonders gerne erinnere ich mich an das gemeinsame Feldmessen, hier habe ich mir das erste Mal mit einem Mädchen die Bettdecke geteilt und zwar im wahren Sinne des Wortes, nicht mehr. Fast genauso schön war der klassenkollektive Stromschlag an einem Weidezaun, Hand in Hand Erlebnisspädagogik nach Rudolf Steiner. Last but not least unser Theaterstück "Nachtasyl" von Maxim Gorki. Ich durfte den Säufer Bubnow spielen und meine mich zu erinnern, dass ich sehr überzeugend gewesen war, in jedem Fall aber waren wir ein fantastisches Ensemble und Team, "Waldis" eben.

 

Lust und Leid liegen dicht beieinander.

Seit ich am Ende der neunten Klasse erstmals mit abstrakten aber sehr aussagekräftigen Zahlen benotet wurde, war mir klar geworden, dass ich mein Leben bisher nicht ernst genug genommen hatte und im Begriff war, meine Zukunft aufs Spiel zu setzen. Dies war einer der Umstände, der mich heute dazu bewegt, die Waldorfpädagogik, insbesondere hinsichtlich der fehlenden Notengebung in den ersten acht Schuljahren, stark in Zweifel zu ziehen, zumindest für mich persönlich.

In meinen Augen war "das Kind in den Brunnen gefallen" und die Pupertät tat ihr Übriges. Ich ging verstärkt meinen persönlichen Interessen nach, der Arbeit im Schnellimbiss, meiner Vorliebe für Kung Fu Filme, dem Poolbillard spielen und dem Ausschau halten nach hübschen Mädchen. Mein Interesse für Billard und Mädchen teilte naturgemäß auch der eine oder andere Klassenkamerad. Als Location diente uns zumeist das "Chaplin", eine Billardkneipe, die sich genialer Weise direkt gegenüber der Wilhelm-Löhe-Schule befand, die bis 1980 eine reine Mädchenschule war.

Im "Chaplin" hielten wir uns stundenlang auf. Neben Billard gab es dort die ersten modernen Spielautomaten mit Pac-Man und Tetris aber auch die klassischen Geldautomaten und Flipper. Wir aber spielten Billard, manchmal um Geld oder Drinks, die wir selbstredend auch konsumierten. Natürlich nach der Schule, zumindest am Anfang.

Das Problem war, dass die Mädchen der gegenüberliegenden Schule vorwiegend am Vormittag anzutreffen waren, oder in der Pause zum Nachmittagsunterricht, so dass wir irgendwann hormonbedingt gezwungen waren, einen Kompromiss zwischen unseren eigenen schulischen Verpflichtungen und unseren alternativen Interessen zu finden. Wie man sich vorstellen kann ging dieser Kompromiss nicht immer zu Gunsten der Vernunft aus, weshalb einige unserer Schulstunden leider ausfallen mussten.

Wiederum aus heutiger Sicht heraus bemängle ich die Waldorfpädagogik auch dahingehend, dass Sie die Sorgen und Gefahren des Erwachsenwerdens wie erwachende Sexualität, den Umgang mit neuen Medien oder Suchtproblematiken jedweder Couleur nicht ausreichend thematisierte, zumindest damals nicht.

Wir alle hatten gelernt, dass Konservenmusik wie Plattenspieler, Kassettenrekorder und später Walkman, Teufelswerk seien und in unserer Schule deshalb nichts verloren hatten, ebenso wenig wie das Rauchen, das Trinken und viele anderen Dinge, die auch Spaß machen konnten. Warum das so war und wie man diesen real existierenden Problemen begegnen konnte, erklärten uns die Lehrer allerdings nicht. Diese Probleme lagen schließlich außerhalb des Schulgeländes und somit nicht mehr im Aufgabenbereich des Lehrkörpers. Einige von uns nannten unsere Schule daher auch mehr oder weniger liebevoll "Insel der Glückseeligkeit". Gerne würde ich erfahren wie es heute ist aber natürlich nur aus sicherer Entfernung.

Bevor ich mich wieder den angenehmeren Themen widmen werde, möchte ich noch eines der dunkelsten Kapitel meiner Waldorfkariere bzw. meines gesamten bisherigen Lebens behandeln, den Abschluss. Ich wies bereits darauf hin, dass meine Noten nicht besonders waren und die Tendenz nicht in die richtige Richtung ging. Dennoch wollte ich Abitur machen und war zu der Einsicht gelangt, dafür endlich etwas tun zu müssen, ich war bereit dafür, die Schule aber nicht.

Tatsächlich eröffnete man meiner Mutter und mir eines Tages, dass man mich mangels Erfolgsaussichten nicht zu Abitur zulassen wollte. Von diesem Schlag ins Gesicht habe ich mich bis heute nicht vollständig erholt. An diesem Tage ging etwas in mir unwiederbringlich verloren. Es war leider nicht der Fluch, der verloren ging sondern mein Vertrauen in die Lehrer, die mich über Jahre hinweg begleitet und betreut hatten.

Natürlich war das Waldorfsystem nicht dafür verantwortlich, dass ich nicht gerade optimal vorbereitet war, zumindest nicht allein. Ich selbst, meine Eltern und meine genetische Disposition hatten sicher ebenfalls dazu beigetragen. Mir aber deshalb jegliche Chance auf ein erfolgreiches Bestehen des Abiturs zu verweigern, empfand und empfinde ich heute noch als außerordentlich fragwürdig, wobei ich diese Formulierung nur deshalb wähle, da Minderjährige diese Zeilen lesen könnten.

Alternativ bot man mir an, eine Lehre in einer der angeschlossenen Werkstätten zu machen oder aber die staatliche Prüfung zur Mittleren Reife abzulegen und dann abzugehen. Ich wählte das kleinere Übel, die Mittlere Reife, um nicht noch drei weitere Jahre an dieser ab diesem Zeitpunkt verhassten Schule verbringen zu müssen.

Natürlich schaffte ich die Mittlere Reife ohne größere Probleme und konnte endlich die Schule verlassen, die mir über viele Jahre hinweg Freude, Vertrauen und Zuversicht geschenkt hatte, um mich zum Schluss mit einem Tritt in den Allerwertesten ins Leben zu entlassen.

Heute, weit über dreißig Jahre später, komme ich bezüglich der Ablehnung meiner Person durch das Kollegium leider immer noch zur gleichen Erkenntnis wie damals. Man hätte mich zulassen können und müssen. Ich hätte das Abitur bestanden, wenn auch nicht mit besonders gutem Ergebnis. Im schlimmsten Fall, hätte es beim zweiten Versuch geklappt.

Was waren also die Gründe, mir den Versuch zu verweigern? Vielleicht waren es meine Arroganz oder das mangelnde persönliche und finanzielle Engagement meiner Eltern. Es kann auch tatsächlich der Notendurcchschnitt gewesen sein, der nicht gefährdet werden durfte. Ich vermute, es war von allem etwas.

Was macht das schon? Man hatte mich also gezwungen, einen Umweg zu nehmen, der mich viel Zeit und Schmerz kostete. Das aber passiert den meisten Menschen, nicht nur mir und meistens auch nicht nur einmal. Jetzt befinde ich mich an einem Punkt im Leben, an dem ich mich angekommen fühle, es geht mir einfach gut. Wer weiß, ob es auch so gekommen wäre, wenn ich damals fair behandelt worden wäre.

Anmerkung:

Das schöne an einem Buch, das möglicherweise nie fertig wird, ist die Tatsache, dass man es immer wieder ändern und ergänzen kann, gegebenfalls duch Anmerkungen. Diese Anmerkung entsteht lange Zeit nach dem ich das aktuelle Kapitel geschrieben habe. Ich sitze gerade mit meiner Frau im Schatten von wildem Wein direkt an einem Strand der Adria in Dalmatien. Es geht mir tatsächlich einfach gut.

Viele Jahre später konnte ich es in meiner Eigenschaft als kaufmännischer Ausbilder in einer gemeinnützigen Einrichtung besser machen. Ich verhalf dutzenden von jungen Menschen, die aus wirklich schwierigen Verhältnissen kamen und es mir sehr oft nicht leicht machten, zumindest schwerer als ich es meinen Lehren je gemacht hatte, zu einem qualifizierenden Hauptschulabschluss und einer anerkannten Berufsausbildung. Ich unterrichtete sogar allgemeinbildende Fächer wie GSE und Mathematik, wobei ich die Abende nutzte, um den Unterricht vorzubereiten und meine eigenen Kenntnisse aufzufrischen. Bei mir blieb keiner auf der Strecke. Doch dazu später mehr.

 

Connie Francis: "Die Liebe ist ein seltsames Spiel"

 

 

Zu dieser Zeit passierte aber auch etwas wunderbares, was das vorherrschende Dunkel in meinem Leben hell erleuchtete. Ein Wesen, dass mir engelsgleich erschien, war in mein tristes Leben voller Verzweiflung getreten, um meine Seele vor dem sicheren Tod zu bewahren. Kurz gesagt, ich war total verknallt und Dj, wie ich Sie hier aus bestimmten Gründen nennen möchte, erwiderte meine Gefühle augenscheinlich. Der Fluch schien gebrochen, da ich damals noch nicht wusste, dass die erste Liebe nur sehr selten ein ganzes Leben Lang hält.

Dj kam aus gutem Hause, war wunderschön, intelligent, herzlich und humorvoll. Ich war blind und taub vor Liebe, weshalb ich mich auch kaum noch an Details aus unserer gemeinsamen Zeit erinnern kann, diese sind sicher in meinem Herz verwahrt und sollen dort für immer bleiben.

Dj machte die Achtziger zu meinem Jahrzehnt und ließ mich sogar Nena vergessen, in die ich wie die meisten Jungs in meinem Alter unsterblich verliebt gewesen war. Wir zogen zusammen, ich musste zur Bundeswehr, sie verließ mich wenig später, ohne mir jemals einen Grund zu nennen. Mein Herz war gebrochen und so würde es 20 Jahre lang bleiben, solange bis die Göttin vom Olymp steigen sollte, die bis heute an meiner Seite ist und mir jeden Tag Liebe, Frieden und Freude schenkt.

Damals wollte ich sterben und würde Dj nie verzeihen können. Der Fluch hatte mich wieder in seinen Bann gezogen. Viele Jahre später haben wir uns über Facebook wiedergefunden, sind seitdem Bruder und Schwester im Geiste und schreiben uns regelmäßig. In dem Moment ich diese Zeilen schreibe, weiß ich auch, warum sie mich damals verlassen musste - um mir heute eine gute Freundin zu sein.

"Dj, danke für die Zeit und danke, dass es dich gibt!"

 

Wir trugen seltsame Gewänder und irrten ziellos umher

Keine Panik! Ich fange nicht schon wieder mit dem Thema Eurythmie an. Ich war damals bei einer Eliteeinheit, den Gebirgsjägern der Bundeswehr. Unsere Aufgabe für den Ernstfall war es, die umliegenden Gebirgszüge und natürlich auch die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland gegen potentielle feindliche Eindringlinge mit unseren Waffen und unserem Leben zu verteidigen. Damals gab es die Sowjetunion noch und es herrschte der sogenannte "Kalte Krieg", das bedeutete, jeder bedrohte jeden mit allen Waffen, die zur Verfügung standen, auch mit Atomwaffen, und hoffte, der andere würde seine Waffen nicht einsetzen, da die grausame Wirkung von Waffen aus mehreren Kriegen schließlich mittlerweile allen Beteiligten bekannt sein musste.

Eine äußerst paradoxe Situation mit dem faden Beigeschmack, dass gerade aus dieser Situation heraus tatsächlich die latente Gefahr einer kriegerischen Auseinandersetzung epischen Ausmaßes drohte. Das heißt, die Wehrpflicht hatte ihre Berechtigung und ich einen wichtigen Auftrag. Der Leser, der jedoch mein Kapitel "Eurythmie" wirklich gründlich gelesen hat, weiß, dass ich keinen wirklichen Auftrag hatte und noch weniger einen Plan.

 

Ein Apell

Bevor ich jedoch ins Detail gehe, möchte ich als erklärter Nazigegner, Pazifist und anerkannter Kriegsdienstverweigerer nach geleistetetem Dienst etwas politisches pro Bundeswehr anmerken:

Wenn im Rahmen der Ermittlungen im sogenannten "Nazi-Skandal" bei der Bundeswehr in Kasernen Helme der Wehrmacht gefunden werden, könnte das schlicht und ergreifend daran liegen, dass diese Dinger eben damals zur Ausrüstung der deutschen Soldaten gehörten und aus vielleicht sentimentalen Gründen oder Sammelleidenschaft heraus aufgehoben wurden. Selbst wenn die Helme ein Hakenkreuz tragen, sagen sie in den wenigsten Fällen etwas über ihre damaligen Träger oder jetzigen Besitzer aus, schon gar nicht, dass diese in jedem Fall Nazis waren oder sind. Wenn ich die Kapitänsmütze von meinem Großvater, der mit Sicherheit kein Nazi gewesen ist, besäße, würde ich diese trotz Hakenkreuz in Ehren halten. 

Die meisten Soldaten in allen Kriegen waren einfach nur "arme Hunde", die im Namen des Regimes sinnlos schlachteten und abgeschlachtet wurden. Die wenigsten waren politisch motiviert, die meisten hatten Todesangst, ein Nein zum Krieg bedeutete in den meisten Fällen den sicheren Tod.

Lasst doch ihre Helme einfach Helme sein, mehr sind sie nicht, wenn man nicht mehr aus ihnen macht. Was bitte hoffen die Kommissionen in Kasernen zu finden, etwa meine blauen Stricksocken, meinen Nussknacker oder Überreste meines Versuches, einen Aschenbecher zu töpfern?

Natürlich hat der eine oder andere Soldat eine politische Einstellung, die eher rechts von der Mitte angesiedelt sein wird. Naturgemäß werden auch einige Nationalisten dabei sein, schließlich sollen sie im Ernstfall unsere Nation mit ihrem Leben verteidigen, indem sie andere Menschen notfalls töten müssen. Ich hasse diese Vorstellung, bitte aber Nationalismus, der in den meisten anderen europäischen Ländern wesentlich weniger verpönt ist als bei uns, nicht mit Nationalsozialismus zu verwechseln, den es auch gibt, nicht nur bei Soldaten sondern auch in allen anderen Berufsgruppen, wobei ich anmerken möchte, dass diese Frucht nicht ohne Grund eher in bildungsarmem Klima wächst und gedeiht.

Auch hat der eine oder andere Soldat berufsbedingt unter Umständen einen etwas derberen Humor und einen härteren Ton als beispielsweise ein Erzieher. Man stelle sich einen Morgenapell einer deutschen Kampfeinheit in einem Krisengebiet vor. Der politisch korrekte vorgesetzte Offizier wendet sich mit dem Tagesbefehl an seine Truppe:

"Liebe Kolleginnen und Kollegen, denkt bitte daran, dass wir nicht hier sind, um anderen Schaden zuzufügen, nur wenn es wirklich nicht anders geht, dann bitte achtet auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel. Jetzt zu etwas positiven: Unsere Petition, Kitas in Frontnähe einzurichten, wird in der nächsten Bundestagsdebatte erörtert werden. In diesem Sinne wünsche euch einen sonnigen und vor allem friedlichen Tag."

Anmerkung:

Den letzten Absatz habe ich vor ungefähr einem Jahr geschrieben und neulich erzählte mir mein Chef von einem Bericht, in dem die Rede davon gewesen sei, man plane den neuen deutschen Puma-Panzer gemäß Arbeitsplatzrichtlinien strahlungsarm zu gestalten, damit beispielsweise das ungeborene Leben von Kindern schwangerer Soldatinen nicht gefährdert wird. Welcher Schwachsinn kommt als nächstes? Der gesündere da feindreduzierte Krieg (war light)?

"Leute, ich hatte mit meinen Front-Kitas einen Scherz gemacht. Schwangere Frauen gehören verdammt noch mal nicht in einen Panzer, auch nicht in einen strahlungsarmen!

Wollen wir so etwas wirklich oder wollen wir die Jungs und mittlerweile auch Mädels einfach ihren Job machen lassen, ohne dass wir eine Hexenjagd auf Sie veranstalten?

Im Übrigen glaube ich auch nicht daran, dass uns seitens unserer Bundeswehr jemals die Gefahr eines Putschversuches drohen wird, auch nicht unter Frau von der Leyen, eher bricht der Weltfrieden aus, was ich mir sehnlichst wünsche, denn dann bräuchten wir gar keine Soldaten mehr.

Apropos Weltfrieden - dieser Donald Trump, der immer wieder alle seine Mitarbeiter feuert, alle bis auf seinen schlechtesten, seinen Friseur, hat jetzt "den Vogel abgeschossen". Trump kuschelt doch tatsächlich mit dem Diktator Nordkoreas, Kim Jong-un. Böse Zungen wie die meine könnten behaupten, er tue das, um seinen russischen "Freunden" militärisch räumlich näher zu kommen und um nebenbei einen riesigen, nahezu unberührten Markt zu erschließen. Da dies aber kein politisches Buch ist, kehre ich zurück zu meiner Geschichte.

 

Kameraden wollen wir sein!

Auch wenn ich seit ich denken kann überzeugter Pazifist bin, ging ich also aufgrund fehlender Perspektive, wir erinnern uns, der Fluch und das Kollegium, zur Bundeswehr, um dort mein weiteres Leben zu planen und bei der Gelegenheit meinen LKW-Führerschein zu machen. Die Musterung verlief gut, ich war für fast jede Waffengattung geeignet, nur für U-Boote und Panzer war ich mit 190 cm zu groß und für das Fliegen waren meine durch Nutella & Co. geschädigten Zähne nicht gut genug. So kam ich in eine Nachschubeinheit der Gebirgsjäger in Mittenwald.

Kaum im idyllischen Bergland angekommen, durften wir in Reih und Glied antreten und erfuhren zunächst, dass unser bisheriges Leben als selbst denkendes und selbstbestimmtes Individuum just in dem Moment geendet hatte als es ausgesprochen war. Ich dachte zunächst, dass das schon in der Schule nicht anders gewesen war, nur dass wir in dort keine Uniformen tragen mussten. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Ich werde mich dem Kapitel Bundeswehr etwas intensiver widmen, da es die Wehrpflicht nicht mehr gibt und immer weniger Menschen wissen werden, was Staatsbürger in Uniform alles Verrücktes erleben konnten und Furchtbares erdulden mussten. Natürlich streng gemäß dem Motto "Humor ist, wenn man trotzdem lacht". ich hatte noch 15 Monate Humor ohne Bewährung.

Es folgte die Ausgabe der Uniformen und der sonstigen Wäsche- und Kleidungsstücke. Hier zeigte sich erstmals die Effizienz der Truppe. Es gab keine Auslage und keine Umkleidekabinen wie ich es gewohnt war. Ich stand in einer Reihe mit Leidensgenossen und kam schließlich an einen Tisch, an dem ein Soldat saß, der mich nur Bruchteile einer Sekunde musternd ansah, um im nächsten Moment seine Einschätzung in nur einer abstrakten Zahl einem weiteren Kameraden, der sich hinter ihm in einer Kammer befand, mitzuteilen. Wieder nur wenige Sekunden später hatte ich alles, was ich die nächsten 15 Monate brauchen würde, in einem sogenannten Seesack verstaut, nur das Gewehr fehlte noch. Wenn mein bisheriges Leben nur immer so schnell und unkompliziert verlaufen wäre, dachte ich in diesem Moment, nicht wissend was mich noch erwartete.

Dann wurden wir auf unsere Stuben (Zimmer) eingeteilt, ich durfte in einer Vier-Mann-Stube Quartier beziehen (einziehen und wohlfühlen), ideal für eine gemütliche Runde Schafkopf (Kartenspiel für vier Personen, das man auch um Geld spielen kann) am Abend, nach getaner Arbeit. Drei-Mann-Stuben gab es nicht, denn Skat (ein intellektuell etwas anspruchsvolleres Kartenspiel für drei Personen) war in der bayerischen Provinz nicht gerne gesehen.

Die Stuben waren ausnahmslos mit einer geraden Anzahl von Soldaten besetzt, damit zwei Partner zueinander fanden, die sich später im Feld gegenseitig decken konnten. Damit es aber nicht zu intim wurde, schließlich waren wir alle junge Männer, suchte man vergeblich 2-Mann-Stuben. Auch 6-Mann-Stuben oder größer gab es nicht, um die immerwährende Gefahr einer Zusammenrottung mit der Folge eines möglichen Putschversuches von vorneherein auszuschließen. Es gab nur 4-Mann-Stuben, was aber natürlich auch lediglich an der Architektur der Gebäude gelegen haben könnte, die übrigens im Unterschied zu Waldorfschulen rechtwinklige Ecken aufwiesen.

Jeder Soldat hatte auf seiner Stube einen eigenen Spind (Schrank), der innen größer war, als er von außen wirkte. Hier musste alles verstaut werden, was der Soldat besaß und zwar nach einem streng vorgegebenen, unumstößlichen System, das fast täglich beim Stubendurchgang von Vorgesetzten kontrolliert wurde, zumindest in der Grundausbildung. Das Einräumen war eine Art Puzzle für junge Erwachsene.

Wenn man den Ausführungen der Ausbilder Glauben schenken konnte, hatte dieses System einen tieferen Sinn. Zum einen konnte der Soldat selbst bei absoluter Dunkelheit alle seine Ausrüstungsgegenstände jederzeit finden und anlegen, zum Anderen merkte man sofort, wenn etwas fehlte. Das durfte der Soldat dem Dienstherren dann aus eigener Tasche ersetzen, selbst wenn er den verloreneb Gegenstand in Ausübung seiner "Staatsbürger-in-Uniform-Pflicht" dummerweise im Wald liegenlassen hatte.

In jedem Spind gab es auch ein persönliches absperrbares Fach, in das die Vorgesetzten nicht hineinsehen durften. Diese Fach war mit nur wenigen cm³ so klein wie meine Persönlichkeit nach Beendigung der Grundausbildung. In diesem Fach befand sich natürlich auch ein Foto und die Briefe von Dj.

 

Kleider machen Leute oder kleiner Mann ganz grün.

Endlich war Anprobe, ich freute mich wie ein kleines Kind, bald wie ein richtiger Soldat auszusehen. Die Bergschuhe, schließlich war ich jetzt Gebirgsjäger, waren aber doch so unbequem, dass ich beschloss, diese in der Kleiderkammer umzutauschen. Dort meinte man nur lapidar, es sei schon die richtige Größe, die Stiefel würden eben niemals nachgeben aber die Füße irgendwann schon. Leider hatte mich der Kamerad nicht angelogen, es kam genauso wie er sagte. Paradox in diesem Zusammenhang war, dass man mir wenig später eröffnete, dass ich aufgrund meiner angeborenen Hohl-Spreiz und Senkfüße keinen LKW-Führerschein machen durfte, wegen dem ich in erster Linie hergekommen war. Ich wurde den Fluch nicht los.

In den sogenannten Kampfanzügen mit den langen grünen Strümpfen, an denen ich selbst mindestens zehn Jahre hätte stricken müssen, und den Luis-Trenker-Gedächtnis-Kniebund-Hosen sah ich gleichzeitig zum Davonlaufen und zum Totlachen aus. So dachte ich bei mir, wenn der Feind mich erblickte, würde er sofort die Flucht ergreifen, um dem schrecklichen Tod durch einen Lachkrampf zu entrinnen. Ich war jetzt in der Lage, Frieden zu schaffen, ohne Waffen, sofern der Anzug nicht unter irgendwelche Konventionen fiel und verboten würde. Letzteres war leider nicht der Fall.

Bereits am ersten Abend überlegte ich, zu desertieren, denn ich hatte im Dienstplan gelesen, dass ich allen Ernstes am nächsten Morgen mit meinen Kameraden zum Wandern gehen sollte, es nannte sich "Bergmarsch", was OK schien aber doch nicht in diesem Aufzug, wenn uns jemand sehen würde, nicht auszudenken. Dann schlief ich ein und träumte von Dj, die noch mit mir zusammen war, dass es nicht mehr lange sein würde, wusste ich glücklicherweise noch nicht.

Nach einer gefühlten Stunde Schlaf wurde unsere "Boy-Group", bestehend aus einem Medizinstudenten, einem Karnickelzüchter, einem angehenden Schreiner und mir, unvermittelt durch schrilles Pfeifen und dem Ruf "Kompanie aufstehen" unsanft aus ihrem Schlaf gerissen. Es war mitten in der Nacht oder zumindest noch viel zu früh, darüber herrschte unter uns Kameraden Einigkeit. Waren die wahnsinnig geworden?

Kurz darauf rumpelte einer der Unteroffiziere in unsere Stube, natürlich ohne anzuklopfen, und gab uns zu verstehen, dass wir in drei Minuten und keine Sekunde später, in voller Gefechtsausrüstung, vor dem Gebäude zu stehen hätten. Mit den Worten, das dies ein Befehl gewesen sei, verlieh er seinem Wunsch den erforderlichen Nachdruck und verschwand so schnell wie er gekommen war.

Als wir gerade dabei waren, zu überlegen, ob noch genug Zeit für die Morgentoilette sei, kam dieser Typ schon wieder herein, diesmal hatte er angeklopft. Mit einem sanften Lächeln teilte er uns mit, dass wir uns entspannen und wieder zu Bett gehen könnten, der Feind habe unsere Kaserne bereits eingenommen, und dabei den Großteil unserer Kameraden in ihrer Unterwäsche erschossen. Ich atmete auf, denn ich kannte diese Art von Humor, sie entsprach in etwa meiner eigenen, doch ich hatte mich zu früh gefreut.

Jetzt auf einmal schrie der Kamerad Unteroffizier noch lauter als beim letzten Mal und drohte uns mit ernsthaften und langfristigen Konsequenzen, wenn wir nicht bald unseren Gluteus Maximus bewegen würden, er hatte ein anderes Wort verwendet und wir standen wenige Minuten später parat, was uns ein anerkennendes "Geht doch!" einbrachte.

Unteroffiziere konnte man übrigens an einem langgezogenen U auf der Schulter erkennen, das an eine nicht fertiggestellte Rennbahn erinnerte, weswegen wir es auch als "Idiotenrennbahn" bezeichneten, was sich selbstverständlich zu keiner Zeit auf die Träger dieses Abzeichens bezog.

Dann lernten wir unseren "Zugführer" kennen. Ein drahtiger Mann, Ende 40, seines Zeichens Hauptfeldwebel, der, abgesehen vom modernen Kampfanzug, aussah wie ein preußischer Offizier aus dem späten 18. Jahrhundert. Ein wie ich weiß herzensguter Mensch und Familienvater aber auch ein knallharter Soldat und Schleifer, der keinen Hehl daraus machte, dass er lieber in den Krieg gezogen wäre, als sich mit uns "Weicheiern" abzugeben.

Es war einer dieser Persönlichkeiten wie man sie aus den Kriegs- bzw. Antikriegsfilmen kennt, einer der für seine Männer und sein Vaterland bis zum letzten Blutstropfen gekämpft hätte. Einer derjenigen, die möglicherweise auch einen Stahlhelm der Wehrmacht ihr Eigen nennen. Ein wenig später sollte ich sein Fahrer und persönlicher Assistent werden. Nie vergessen werde ich, dass er mir irgendwann einmal lachend erzählte, er hätte mich ausgesucht, da er schon immer einmal einen Fahrer haben wollte, der seinen Namen tanzen kann.

 

Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!

Nach knapp zwei Stunden und unzähligem Hin und Her hatten jetzt alle alles am Mann und die Erklärungen darüber, wozu man was in welcher Situation einsetzen musste, waren abgeschlossen. Der Marsch konnte beginnen, mit viel Gepäck, wenig Motivation und großem Hunger. Etwas Essbares erwarte uns am Ziel, hieß es.

Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt. Blau stand für Nato und Rot natürlich für Warschauer Pakt, diese Einteilung fand immer statt. Jede Gruppe hatte einen anderen Auftrag und ein anderes Ziel.

Den ersten Teil der Etappe gingen wir gemeinsam. Ich gehörte zur blauen Gruppe und dieser Marsch war ungelogen das härteste Unterfangen, das ich bis dahin erlebt hatte. Es ging nur bergauf, mit ca 30 kg auf dem Rücken, dem Sturmgewehr in der Hand und noch einmal gefühlt 5 kg auf die unzähligen Taschen der Uniform verteilt, ich bekam kaum Luft und wurde fast ohnmächtig aber ich hielt eisern durch und orientierte mich an meinem Vordermann.

Nach einer scheinbaren Ewigkeit erreichten wir unser Ziel, doch was war passiert? Dem Tode näher als dem Leben hatte ich unterwegs meine Gruppe verloren und war dem Feind (der roten Gruppe) gefolgt. Niemand hatte es gemerkt, am wenigsten ich selbst. Der Running Gag der nächsten 3 Monate war geboren. Immer wenn wir loszogen hieß es: "Schön aufpassen Manfred, nicht Freund und Feind verwechseln!".

Ich glaube Orientierungssinn kann man nicht lernen, damit wird man geboren oder eben nicht, so wie ich. Selbst zehn Jahre Eurythmie und zwei Wochen Feldmessen hatten mir nachweislich nicht geholfen, diese Schwäche zu kompensieren.

Solange ich Geländepunkte bzw. Seezeichen, einen Peilkompass, ein Kursdreieck, einen Zirkel und entsprechend aktuelle Karten habe, komme ich zu Land und zur See hervorragend zurecht, ohne die Hilfsmittel bin ich verloren. Ich glaube, die GPS-Navigation wurde nur für mich erfunden. Noch zwei weitere Male in meiner Bundeswehrzeit landete ich beim "Feind", was alle Kameraden außerordentlich witzig fanden, meine Vorgesetzten nicht.

Im Nachhinein betrachtet bin ich überzeugt, es war ein simpler Irrtum vom Kreiswehrersatzamt, dass ich bei den Gebirgsjägern gelandet war. Es kann schließlich nicht sein, dass mir der Stabsarzt dieser Behörde völlig fehlgebildete Füße attestiert hatte, so dass ich zwar keinen LKW-Führerschein machen durfte aber dann in einer Einheit untergebracht wurde, deren Soldaten bedingt durch Ihren Auftrag Tag und Nacht stundenlang mit schwerem Gepäck und in unnachgiebigen Stiefeln bergauf und bergab wanderten.

Die Stiefel gaben tatsächlich in 15 Monaten nicht einen Millimeter nach und ich war früh dazu übergegangen, entstehende Blasen sofort mit Leukoplast (Pflaster ohne Wundauflage) zu überkleben und möglichst selten frische Socken anzuziehen. Letzteres könnte natürlich der Grund dafür gewesen sein, dass mich Dj mittlerweile verlassen hatte.

 

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um.

Wir alle kennen die geschönten Geschichten von Männern, die großartige Abenteuer erlebt haben wollen. Ich möchte auch so eine Geschichte erzählen, doch die ist wahr und zeigt wie hart das Soldatenleben bei den Gebirgsjägern, gerade in der Grundausbildung, sein kann.

Die 36 Stunden-Übung hieß so, weil wir 36 Stunden in freier Natur, natürlich auf einem Berg, Krieg spielen mussten. Bis dahin keine große Herausforderung, wäre es Sommer gewesen. Es war aber Winter und war in dieser Nacht, ich schwöre es beim "Fluch der Friesen", kälter als minus 30° Celsius.

Wir schliefen unter behelfsmäßigen Zeltplanen und hatten ein Grubenfeuer für den ganzen Zug, circa 30 Mann. Wer weiß, was ein Grubenfeuer ist, weiß auch, dass es nicht einmal einen Menschen bei solchen Temperaturen ausreichend mit Wärme versorgen kann. Einer meiner Kameraden verlor in dieser Nacht im Schlaf zwei seiner Zehen. Ich hielt mich wach, indem ich mir vor meinem inneren Auge vorstellte, ich hätte mit unzähligen, viel zu großen Nadeln in nur einer einzigen Stunde ein paar hellblaue Socken selbst gestrickt, die ich jetzt trug, die mir passten und die meine Füße wohlig wärmten.

Noch heute denke ich oft an diese Nacht, an den armen Kameraden und bin froh, immer noch zehn gesunde Zehen mein Eigen nennen zu können. Auf einem späteren Manöver würden wir den Verlust eines Kameraden und die schweren Verletzungen von zwei weiteren Soldaten beklagen, die versucht hatten, liegengebliebene Munition zu öffnen.

Apropos Munition. Ich war an verschiedensten Waffen ausgebildet worden. Sturmgewehr, Maschinengewehr, Pistole, Maschinenpistole, Panzerfaust, Handgranate und Feldmesser, außerdem im waffenlosen Kampf. Aber entweder meine pazifistische Grundeinstellung, der Fluch oder meine Erziehung in einer Waldorfschule hinderten mich daran, es in auch nur einer dieser Disziplinen zu Ruhm und Ehre zu bringen. Dafür brachte mir mein erster Schuss liegend mit dem Sturmgewehr eine neue Brille und ein wunderschönes Veilchen ein. Ich fürchte, meinem Antrag auf Kriegsdienstverweigerung, den ich nach meinem Wehrdienst stellte, um ein Zeichen gegen den damaligen Irak-Krieg zu setzen, wurde deshalb so schnell stattgegeben.

Nicht minder gefährlich war unsere Tätigkeit in der Stammeinheit in Mitterharthausen bei Straubing, das wir Mitternachtsgrausen nannten und in das wir nach der Grundausbildung versetzt wurden. Wir tankten in unserer Kaserne Benzin und Diesel in unsere Tanklastzüge, fuhren zu den benachbarten Bundeswehrkasernen und füllten deren Tankstellen. Das heißt, meine Kameraden fuhren, ich hatte ja keinen entsprechenden Führerschein, wegen meiner Füße.

Die Bundeswehr hatte in Wirklichkeit keine Verwendung mehr für mich aber als ich anbot, selbstlos auf die verbleibenden zwölf Monate zu verzichten, ernannte man mich, vielleicht auf Grund dieser Selbstlosigkeit oder wegen meiner antroposophischen Eignung, zum Gruppenführer unserer Tankeinheit. Ich trug diese Bürde der Verantwortung mit angemessenem Stolz, denn ich hatte ja nichts anderes zu tun. Glücklicherweise verfügten einige meiner Kameraden über den erforderlichen Orientierungssinn.

So fuhren meine Jungs und ich jeden Morgen zunächst zum Tanken und dann aus der Kaserne zur nahegelegenen Metzgerei, um uns für die sogenannte "Nato-Pause" (Frühstückspause auf Militärisch) mit Leberkäsesemmeln, Getränken und manch einer auch mit der Bildzeitung einzudecken. Die intellektuelleren Zeitgenossen unter uns meinten scherzhaft, einige der Kameraden würden bei der Bundeswehr ihr "Bild-Abitur" absolvieren, indem Sie 15 Monate lang täglich und absolut unfallfrei die Bildzeitung lasen. Obwohl ich bekanntermaßen zu dieser Zeit noch keine Hochschulreife besaß, fühlte ich mich nicht dazu berufen, diese Zeitung jemals zu konsumieren.

Böse Zungen behaupten übrigens, die "Nato-Pause" würde in manchen Einheiten der Bundeswehr von ca. 09:00 Uhr morgens bis zum Dienstschluss andauern und nahtlos in den Feierabend übergehen. Diese Behauptung ist dreist und absolut unwahr, wenn meine Kameraden fuhren, fuhren sie und ich brach täglich fast unter der Last der riesigen Verantwortung zusammen. Am Abend waren wir alle so müde und geschafft, dass wir sofort nach dem Abendessen und nur zehn schnellen Bieren im Mannschaftsheim auf unsere Stuben gingen, wo wir in einen traumlosen Schlaf fielen, um am nächsten Tag erneut Übermenschliches zu leisten.

Das große Problem der Bundeswehr waren schon damals nicht die Militaria-Sammlungen sondern tatsächlich viel eher der Alkohol und seine enthemmende Wirkung. Vielleicht möchte die Politik hier einmal ansetzen, es dürfte heute nicht viel besser sein. Ich bin sicher, dass sich eine Suchtprävention auch positiv auf alle anderen unschönen Vorfälle bei der Truppe auswirken würde. Damit schließe ich dieses schaurig-schöne Kapitel, um mich der nächsten Station meines Lebens zu widmen.

 

Handwerk hat goldenen Boden

Dj hatte mich mittlerweile verlassen. Ich war im Besitz der mittleren Reife, einem von der Bundeswehr überprüften PKW-Führerschein, hatte meinen Wehrdienst absolviert und verfügte über wichtige Hardskills, insbesondere aus dem Handarbeitsunterricht einer Waldorfschule. Die besten Voraussetzungen also, um eine duale Berufsausbildung zum Kraftfahrzeugmechaniker zu machen. Der Ausbildungsbetrieb nahm mich gewissermaßen mit "Handkuss". Der Kraftfahrzeugmechaniker gehörte damals zu den Traumberufen für junge Männer, den Beruf des Mechatronikers gab es ja noch nicht.

Ich arbeitete in einem kleinen Betrieb, der aus einem Senior, seinem Sohn, beide Kfz-Meister, einem Gesellen und mir bestand. Ein kleiner aber feiner Betrieb der Reparaturen und Wartungsarbeiten jeder Art an Fahrzeugen aller Marken durchführte und über viele Stammkunden verfügte. Meine Ausbildung war ähnlich vielfältig wie in der Waldorfschule.

Während Kollegen in den großen Autohäusern immer die gleichen Tätigkeiten ausführten, durfte ich alles lernen: Pflege und Wartung, Kundendienst, Reparaturen an Motoren und Getrieben, Autoelektrik, Karosserie- und Lackierarbeiten. Eine, wenn man will, ganzheitliche technische Ausbildung mit Familienanschluss, denn in den Pausen saßen wir alle zusammen und erörterten technische Probleme bzw. der Senior gab Anekdoten aus seiner bewegten Vergangenheit zum Besten, besonders gerne wie er einen Teil seines Fingers beim Ausbau einer Fahrwerksfeder verloren hatte. Wenn er sah, dass wir uns potentiellen Unfallgefahren aussetzten, war er stets zur Stelle, um uns eines Besseren zu belehren

  

Im Gegensatz zu meinem Gesellen hatte ich wie bereits öfter erwähnt schon länger einen Führerschein und durfte deshalb, die benötigten Ersatzteile holen, weshalb ich insgesamt oft eine oder zwei Stunden täglich unterwegs war, mit dem Sportwagen vom Junior-Chef, auf den ich aufpasste wie auf ein rohes Ei, denn ich hing an meinem Leben. Senior und Junior waren beide super nette Menschen und außerordentlich gedulig, bis auf ein einziges Mal.

Beim Öffnen einer Motorabdeckung (Ventildeckel) war mir eine Schraube in den Motor gefallen, die nicht wieder zu finden war. Als ich mich nach gründlicher Überlegung dazu entschlossen hatte, meinen Fehler zu gestehen, "war Polen offen" Die Begeisterung der beiden hielt sich tatsächlich in Grenzen, denn der Motor drohte dadurch zerstört zu werden.

Als sich die Gemüter wieder einigermaßen beruhigt hatten, wurde der Deckel wieder aufgesetzt, der Motor angelassen und langsam immer mehr Gas gegeben. Mein Chef meinte damals nur lapidar: " Entweder die Schraube verglüht oder es zerreißt der Motor". Offensichtlich hatte die Schraube nachgegeben und ich "war aus dem Schneider".

Überhaupt nicht beeindrucken konnte ich meine Chefs, wenn nach Aus- und Einbau eines Renault-Getriebes 5 bis 7 Schrauben übrig geblieben waren. Dieses Phänomen wurde mir damit erklärt, dass die Franzosen zu viele Schrauben hätten, die sie völlig sinnlos in Autos einbauten. Und tatsächlich gab es aufgrund meiner Reparaturen, auch wenn ich sie später selbständig durchführte, niemals eine Reklamation.

Ich wohnte zu dieser Zeit wieder bei meiner Mutter und Nico in Wolkersdorf und unterstützte in meiner Freizeit die Familie im immer besser gehenden Imbissbetrieb, wodurch ich mein karges Lehrlingsgehalt aufbesserte. Ich hatte entweder Freitagabend oder Samstagabend vom Imbiss frei, Sonntagnachmittag musste ich immer ran.

Wenn ich frei hatte, zog ich mit Freunden durch die angesagten Kneipen, Diskotheken und Bars Nürnbergs und haute mein sauer verdientes Geld auf den Kopf. Eine dieser Bars war das "Max". Hier war ich oft, gerne und stets auf der Suche nach einer Frau fürs Leben. Ich hatte zwar die eine oder andere Affäre nach Dj, es fühlte sich aber nie richtig an. Tatsächlich war ich seit Dj immer auf der Suche nach der Frau, mit der ich alt werden wollte. Dieser Wunsch bei einem jungen Mann konnte eigentlich nur eine der Spätfolgen der alternativen pädagogischen Erziehung gewesen sein oder der Friesenfluch, normal war das nicht.

 

Auch Alkohol ist eine bewusstseinsverändernde Droge.

Ich habe nie harte Drogen genommen, obwohl ich in meinem Freundeskreis ständig damit umgegeben war, ich hatte kein Bedürfnis danach. Dem Alkohol war ich jedoch in jungen Jahren nicht abgeneigt, Trinken hatte ich gelernt, im Mutterleib, als Kleinkind in der elterlichen Kneipe, zuhause, bei Freunden und exzessiv im Soldatenleben. Nur einmal wurde mir etwas anderes untergeschoben und ich hatte Todesangst, nicht mehr von diesem Trip runter kommen zu können, das bedeutete für mich das Ende einer jahrelangen Freundschaft, denn hier endete der Spaß.

Ich saß also mal wieder im "Max", hatte mir ein paar wohlverdiente Cocktails gegönnt und musste offensichtlich einen leicht depressiven Eindruck vermittelt haben, denn ich wurde von einer jungen Frau angesprochen, die mich fragte, ob es mir gut gehe. Auch wenn ich mich in diesem Moment sauwohl fühlte und mein trauriges Gesicht eher daraus resultierte, dass mein Glas schon wieder leer war, reagierte ich instinktiv richtig und fing an, mein bedauernswertes Leben ohne Liebe zu beklagen. Aus heutiger Sicht war das das Dümmste, was ich in dieser Situation tun konnte, denn ich sollte Angie jahrelang nicht mehr loswerden.

Angie, die ebenfalls aus einer Gastronomiefamilie stammte, hatte meine alkoholbedingte Bewusstseinsveränderung ausgenutzt und sich ans Werk gemacht, meine Trauer zu vertreiben und mein ganzes Leben nach Ihren Vorstellungen zu verändern, letzteres wusste ich natürlich noch nicht.

Sie versprach mir etwas sehr viel besseres, wenn ich nicht mehr so viel tränke. Ihrer Meinung nach war der Genuss geistiger Getränke mit ursächlich für meine vermeintlich schlechte Stimmung gewesen. Die Aussicht auf das Bessere und das Problem, aus dieser Mitleidsnummer nicht unbeschadet herauszukommen, ließ mich in meiner Rolle des bemitleidenswerten Zeitgenossen bleiben, schließlich konnte ich als perfekt ausgebilderter Waldorfschüler hervorragend schauspielern.

Tatsächlich bekam ich "das Bessere" in einer Überdosis. Über Wochen hinweg war ich so müde, dass ich kaum noch klar denken konnte. Meinen Jobs war das Ganze auch nicht besonders zuträglich. Aber was sein musste, musste eben sein, selbst wenn es Nachteile mit sich brachte. Angie hatte "einen Narren an mir gefressen", was mich ein wenig an meine längst vergangene Liebe zur roten Blechlokomotive, die nicht vom Tisch fallen konnte, erinnerte. Allerdings gab es, soweit ich weiß niemals so etwas wie Liebe zwischen uns, von keiner Seite aus. Angie hatte große, sehr konkrete, Pläne mit mir und ich bekam es irgendwann mit der Angst zu tun, denn ich merkte, dass ich fremdgesteuert werden sollte.

Ich glaube fast jeder Mensch kommt mindestens einmal an den Punkt in seinem Leben, wo er denkt, da kommt nichts Besonderes mehr, nicht Besseres. Es ist alles soweit in Ordnung, akzeptiere es und sträube dich nicht dagegen. An diesem Punkt war ich angekommen, als ich mit Angie zusammen in eine Wohnung in die Südstadt Nürnbergs zog.

Anmerkung:

Wenn ich jetzt gerade von meinem Tablet hoch auf die Adria blicke, muss ich leider feststellen, dass ich damals ziemlich blöd war.

Angie war Erstkraft im Einzelhandel und verdiente recht gut, mir ging es finanziell auch nicht so schlecht, schließlich musste oder durfte ich mich nicht mehr in dunklen Bars herumtreiben. So bereiteten wir uns ein gemütliches Nest mit weißen Teppichböden, schwarzen Ledersesseln und, im Kontrast dazu, restaurierten Bauernmöbeln. Ab und zu besuchte uns einer von Angies zwei kriminellen Brüdern, der eine fraß regelmäßig unseren Kühlschrank leer und klaute uns das Haushaltsgeld. Wenn ich ihn beim Klauen erwischte, gab er das Geld zwar zurück, meinte aber lapidar, wir hätten doch genug davon und er gehöre schließlich zur Familie.

Mein Lehrherr (der Junior), der Senior war in den verdienten Ruhestand gegangen, plante schon länger, seinen Betrieb zu verkaufen und just in dem Moment, als ich gerade erfolgreich meine Abschlussprüfung absolviert hatte, übergab er den Betrieb einem anderen Kfz-Meister. Er selbst wollte kürzer treten und sich mehr seiner Familie widmen, deshalb suchte er eine Meisterstelle im Angestelltenverhältnis und versprach mir, mich nachzuholen, wenn er etwas gefunden hätte. Ein Mann, ein Wort, drei Monate später holte er mich in einen großen Reifendienst.

"Lieber Georg, du hast mich so vieles gelehrt, insbesondere auch, dass man Versprechen nur gibt, wenn man willens und in der Lage ist, diese zu halten. Ich habe dich nie vergessen."

Auch wenn ich meinen Beruf über alles liebte, sollte meine Freude daran nicht mehr lange währen. Bereits nach kurzer Zeit eröffnete mir Angie, dass ich genug Spaß gehabt hätte und jetzt anfangen müsse, an unsere gemeinsame Zukunft zu denken. In diesem Moment dachte ich: "Zukunft OK aber gemeinsam?".

Angie war viel stärker und vor allem ehrgeiziger als ich, mittlerweile war sie Abteilungsleiterin im größten und natürlich bekanntesten Kaufhaus der Stadt, ich schraubte an Autos herum und verdiente vielleicht die Hälfte. Der Glücklichere war ich, wenn man von meinem Beziehungsproblem absah und "das Bessere" war mittlerweile auch auf eine sehr geringe Dosis herabgesetzt worden, so dass ich befürchten musste, ich befände mich wie bei einem Medikament in der Ausschleichungsphase, kurz bevor es ganz abgesetzt würde. So kam es dann leider auch.

Angie hatte einen dermaßen großen Minderwertigkeitskomplex aufgrund ihrer vermeintlich niederen Herkunft, sie schämte sich für Ihre Eltern, ihre Brüder, für die ich mich allerdings auch geschämt hätte, zumindest für den einen, der uns beklaute, und Angie schämte sich für mich. Sie zwang mich geradezu meine, in ihren Augen längst überfällige, Fachhochschulreife zu machen. Danach sollte ich studieren, als Ingenieur arbeiten und mit ihr gemeinsam in den Olymp derjenigen einziehen, die es aus dem Nichts heraus geschafft hatten.

Blöderweise hatte mich das Lehrerkollegium der Waldorfschule, wir erinnern uns, nur wenige Jahre vorher von einer Abiturteilnahme abgehalten, blöd aus zwei Gründen. Hätte ich zum Einen das Abitur schon damals bestanden und studiert, hätte ich mit Sicherheit niemals Angie kennengelernt. Auf der anderen Seite hätte ich mich jetzt nicht herausgefordert gefühlt, Angie, meinen Waldis, dem verdammtem Kollegium und mir selbst zu beweisen, dass ich es kann.

So machte ich dieses verdammte Fachabitur, in einem Jahr, in der Fachrichtung Technik, an einer staatlichen bayerischen Fachoberschule, am Abend verdiente ich Geld, um unser Leben zu finanzieren.

Am 09.11.1989 fiel die Mauer. Deutschland war wiedervereinigt. Auch wenn mancher das anders sieht, bin ich sicher, David Hasselhoff hatte die Wiedervereinigung nicht verursacht.

Trotz Friesenfluch bestand ich sieben Monate nach diesem epochalen Ereignis das Abitur beim ersten Anlauf, mit der abstrakten Note von 2,3. Es waren aber nicht Denken, Fühlen und Handeln, Rudolf Steiners Theorie folgend, ursächlich für meinen Erfolg, sondern lediglich mein eiserner Wille und Fleiß.

 

Alles hat ein Ende

Ich begann tatsächlich Wirtschaftsingenieurwesen in Schweinfurt zu studieren und arbeitete am Abend an einer Shell-Tankstelle. Angie war glücklich, ich nicht, ich hatte mein Ideal von einem glücklichen unbeschwerten Leben aufgegeben. Ich durfte einmal in der Woche tatsächlich alleine ausgehen, in die "Filmdose" in der Nähe unserer Wohnung, dort waren wir bekannt und Angie konnte sicher sein, dass ich unser gemeinsames Gesicht wahrte. Dass ich dort jedoch einen ebenfalls unterdrückten Gleichgesinnten gefunden hatte, erzählte ich Angie nicht.

Angie vertrat und äußerte mir gegenüber oft die These, dass man die Schuld der Männer an der jahrhundertelang andauernden Unterdrückung der Frau, die ich auch nicht gut fand und finde, nur dadurch tilgen konnte, indem man den "Spieß jetzt endlich umdrehte".

Möglicherweise waren es die Folgeschäden aus dem Schlag auf den Kopf, den mir mein Halbruder fast zwei Jahrzehnte zuvor mit seinem Spielzeughammer verpasst hatte, die mich davon abhielten, die Gefahr in dieser Äußerung zu erkennen. So heiratete ich Angie, auch wenn ich nicht sagen kann aus welchem Grund. Der Fluch hatte bis dahin noch nie dermaßen hart zugeschlagen. Bevor jedoch der eine oder andere Leser in Tränen ausbricht und darüber hinaus noch weitere Zeitgenossen zu einer Runde Mitleid auffordert, erzähle ich die Geschichte weiter.

Natürlich schmiss ich das Studium, nicht weil es keine Perspektiven bot, sondern weil ich es nie gewollt hatte. Auch wollte ich Angie eigentlich nicht, zumindest nicht für immer, was ich ihr eines Abends sehr vorsichtig eröffnete.

Zum ersten und bisher letzten Mal in meinem Leben erlebte ich die grenzenlose, entfesselte Wut einer Frau. Eine Naturgewalt, die sich in fliegendem, hochwertigem und teurem Geschirr manifestierte, das mich zum Ziel hatte. Doch weder am Körper noch an der Seele getroffen, nahm ich nicht mehr als eine Reisetasche mit meinen persönlichen Sachen, verließ die Wohnung und machte mich auf den Weg die Treppen herunter.

Meine Tasche erschien mir tonnenschwer und erst unten angekommen bemerkte ich, dass Angie an derselben hing und nicht loslassen wollte. Ich konnte sie nur mit sanfter Gewalt davon abringen, mit der Tasche eins zu werden. Auf meinem Weg zur Straßenbahn überfuhr sie mich fast. Sie hatte mich verfolgt und stellte ihr Fahrzeug, einen dunkelblauen Opel Vectra Kombi, vor mir quer, riss die Tür auf und versuchte mich in ihrer gewohnt liebevollen Art davon zu überzeugen, dass ich im Begriff war, den schwersten Fehler meines Lebens zu begehen. Ich aber beging diesen "Fehler" im Juli 1992 dennoch, nach gut vier gemeinsamen Jahren und habe es nie bereut. Die Scheidung war nach nur 7 Monaten Ehe eine reine Formsache.

"Liebe Angie, es tut mir leid. Es war nicht deine Schuld, unsere Wünsche und Hoffnungen gingen von Anfang an in völlig verschiedene Richtungen. Ich hatte nicht rechtzeitig meinen Standpunkt dargelegt. Vielleicht aber hast du auch einfach nie richtig zugehört.

 

Unnötiger Rückschritt

Elf Monate sollte ich ab jetzt ohne bessere Hälfte auskommen, Mütter nicht mitgerechnet. Ich war allein und verdiente meinen Lebensunterhalt, ich war frei, unabhängig und hatte wieder Spaß am Leben. Meine Mutter hatte Nico verlassen, nachdem alle Kinder aus dem Haus waren und ihn aus Rache dafür, dass er ihr nicht, den Unterhalt zahlen wollte, den sie als angemessen empfand, wegen Steuerhinterziehung beim Finanzamt angezeigt.

Das Amt zählte die gekauften Pizza-Schachteln der vorangegangenen 10 Jahre,  was ihn nach heutiger Währung eine Steuernachzahlung in Höhe von 250.000 € und eine Strafe von 25.000 € bescherte. Dass die Schmälerung seines Reichtums auf diese Art und Weise nicht zu einem unerklärlichen Unfall meiner Mutter führte, wundert mich heute noch.

Meine Mutter lebte und hatte wieder geheiratet, einen meines Erachtens etwas gewöhnungsbedürftigen Taxifahrer und späteren Gastronomen, sie war somit zum dritten Mal verheiratet.

Bei mir zog sich, dank des Fluches der Friesen, ein "roter Faden" durch mein Leben, der mich immer wieder dazu brachte, in gutgläubiger Manier auf alles zu hören, was mir Frauen antrugen. So schlug mir meine Mutter vor, wir könnten alle drei in ein hübsches alleinstehendes Häuschen ziehen, ich wäre dann nicht mehr so allein und die Miete könnten wir uns teilen. Gesagt und getan, ein wenig später kam noch ein Schäferhund als vierter Mieter mit dazu. Dass ich wiederum in eine Falle getappt war, hat der kluge Leser sicher schon erkannt oder ahnt es bereits. Ich jedoch war guter Dinge und baute mir den Dachboden zur gemütlichen Single-Wohnung aus.

Ruth lernte ich auf Lumis Verlobungsparty kennen, Lumi hatte ich schon mal erwähnt, sie ist eine gute Freundin, die ich immer wieder mal aus den Augen verliere. Ruth war älter als ich und war selbständige Fußpflegerin, die mit ihren eigenen Füßen fest auf dem Boden stand und ihre Tiere, eine Schäferhündin und zwei Friesenpferde über alles liebte.

Ich möchte Ruth sehr, ich bewunderte ihre Erfahrung, Gelassenheit und unerschöpfliche Energie. Ich verbrachte ab sofort jede freie Minute mit ihr, natürlich auch die meisten Nächte. Jetzt wurde mir seitens meiner Mitbewohner plötzlich mitgeteilt, wie sie sich unser Zusammenleben tatsächlich vorgestellt hatte. Ich sollte wann immer möglich da sein, um die beiden zu bespaßen, meine Abwesenheit war nur erwünscht, wenn ich als jüngstes Mitglied die notwendigen Einkäufe erledigte. Weiterhin war ich für die Gartenarbeit und die Haustechnik zuständig. Natürlich hatte ich auch Rechte, ich hatte zum Beispiel das Recht, einen großen Teil der Miete zu bezahlen. Ich war mit anderen Vorstellungen in diese Vereinbarung gegangen.

Als ich wegen Ruth nur noch selten im Haus war, rasteten meine beiden Mitbewohner, meine Mutter und ihr Taxifahrer, völlig aus. Eines Abends versuchte ich die Haustüre aufzusperren, wohlgemerkt zu dem Haus, für das auch ich einen erheblichen Teil der Miete aufbrachte. Die Tür war verschlossen und das Schloss ausgetauscht. Als ich klingelte, öffnete Gerd, Mutters seltsamer Ehemann die Tür und wies seinen an der Leine geführten Schäferhund, zu dem mir seit jeher der persönliche Kontakt untersagt war, an, aufzupassen. Danach gab er mir einen Koffer mit meinen persönlichen Sachen und forderte mich auf, sofort das Grundstück zu verlassen, sofern ich nicht daran interessiert sei, dass er den Hund auf mich hetzte. Ich ging und habe das Haus nie mehr betreten.

Tags darauf stoppte ich den Dauerauftrag für die Miete und dachte, damit sei dieses Kapitel beendet, doch weit gefehlt, es war eben verflucht mein Leben. Einige Wochen später bekam ich eine Ladung vom Gericht, ich war angeklagt, anteilige Mietzahlungen monatelang nicht geleistet zu haben. Die Klage hatten meine Mutter und ihr Mann erhoben, die, seitdem sie mich des Hauses verwiesen hatten, die Miete alleine zahlten. Natürlich stand ich mit im Mietvertrag, was ich zuletzt nur noch als Formalität betrachtet hatte. Ich nahm mir einen Anwalt und es kam zum Prozess, den ich verlor.

Der Taxifahrer hatte gegen mich ausgesagt, so stand es Aussage gegen Aussage und der Richter fragte mich, ob ich auf die Aussage meiner Mutter bestehen wollte, was ich verneinte, denn so tief wollte ich wirklich nicht sinken. Ich wurde verurteilt und der Richter merkte an, dass Familienbande stark seien und man eines Tages wieder zueinanderfinden würde. Meine Mutter und ihren Mann habe ich an diesem Tag, irgendwann im Jahre 1994 zum letzten Mal in meinem Leben gesehen.

 

Tierische Geschichten

Ruth und ich mochten uns sehr und sie brachte mir die Liebe zu Tieren näher. Ich war mittlerweile Abteilungsleiter in einem großen Baumarkt und hatte dort mehrere Abteilungen und Mitarbeiter unter mir. Für den Fall, dass ich einem Ortwechsel zugestimmt hätte, was ich nicht tat, hätte man mir einen eigenen Markt zur Leitung anvertraut. Angie hätte ihre wahre Freude an mir gehabt.

Ruth hatte wie gesagt eine Schäferhündin, ihre ständige Begleiterin und zwei Pferde, einen Friesenwallach und einen Friesenhengst, die ca. 14 km östlich von Zirndorf, wo wir beide wohnten und arbeiteten, in einem Mietsstall, der Ruth zu Teil gehörte, untergebracht waren.

Alle Pferde dort lebten zusammen in einem Offenstall, in dem sie Winter wie Sommer draußen sein durften, Hufeisen gab es aus Sicherheitsgründen nicht. Geritten wurde meist ohne Sattel und Zaumzeug, insgesamt nur selten, kurz und nur im Gelände, damit die Pferde etwas davon hatten, Pferdehaltung wie ich sie mir vorstelle. Die anderen Pferdebesitzerinnen waren auch sehr nett, so dass wir alle zusammen viel Spaß hatten und Winter wie Sommer fast täglich vor Ort waren. Den Ärger der vergangen Jahre hatte ich mal wieder erfolgreich verdrängt.

Sehr bald kaufte ich mir ein eigenes Hengstfohlen, ein Shire-Horse, die größte lebende Pferderasse der Welt, ein Direktimport aus Großbritannien, mein erstes eigenes Pferd. Bobby war mein ganzer Stolz, ich habe ihn aufgezogen und ihm eine Menge Unfug beigebracht, ich liebte ihn fast wie einen eigenen Sohn.

Irgendwie kam es eines Tages zu Spannungen zwischen Ruth und der Mitbesitzerin des Offenstalls, was vorkommen kann. So beschlossen Ruth und ich, diesmal noch etwas weiter östlich von Zirndorf, ein eigenes Objekt zu pachten und aufzubauen. Zwei zahlende und sehr liebe Pferdebesitzerinnen nahmen wir mit.

 

10 Hektar, 8 Pferde, 2 Hunde und 1 Computer

Man stelle sich vor, ein riesiges Areal mit einem großen Stall und einer komfortablen Wohnung mittendrin, ein Paradies für Mensch und Tier. 10 Hektar, 8 Pferde und zwei Hunde. Es war unser Reich, das wir neben unserer regulären Berufstätigkeit bewirtschafteten.

Zunächst koppelten (zäunten) wir die 10 Hektar in Parzellen mit Elektrozaun ein. Hunderte von Pfählen, Kilometer von Elektro-Bändern. Alles in Handarbeit, jeden einzelnen Pfahl haben wir höchstpersönlich mit dem Vorschlaghammer eingeschlagen und unzählige Isolatoren daran befestigt. Wir haben den Stall verkabelt, um Licht zu haben. Es war Arbeit ohne Ende, schöne, erfüllende Arbeit. Man konnte sehen wie etwas entstand. Viele Monate und mehrere Tausend D-Mark später war das Werk vollbracht. Ich kann mir heute nicht mehr vorstellen, wie man so etwas leisten kann, wenn man zusätzlich noch einem Vollzeitjob nachgeht. Wir hatten es gekonnt und waren sehr stolz auf uns.

Es folgten weitere Monate voller Arbeit aber auch Idylle pur. Als Ruths Schäferhündin verstarb, legten wir uns zwei Irish-Wolfhound Welpen zu, Keeper (genannt Kiwi) und Kronos (genannt Krümel). Wer weiß wie diese Tiere ausgewachsen aussehen, wird sagen, dass sie ihre Namen, zumindest die Spitznamen, nicht verdient hatten. Unsere Familie bestand nun aus Ruth, mir, einem Friesen-Hengst, einem Friesenwallach, einem Shire-Horse-Hengst und zwei Irish-Wolfhound. Darüber hinaus fanden noch fünf weitere Pferde in Pension Platz auf unserem Pferdehof. Auch ein Computer fand den Weg in unser trautes Heim.

Ich kaufte mir meinen ersten Computer, natürlich im Fachhandel, mit allem, was die damalige Technik hergab, zum Beispiel einem Diskettenlaufwerk, was heute schon nur noch die wenigsten kennen dürften. Ich hatte das Wunderwerk der Technik 2 Wochen, dann trug ich es in den Fachhandel zurück, der Computer war abgestürzt. Er war so dermaßen kaputt, dass der Verkäufer meinte, ich müsse mir einen neuen kaufen. So kaufte ich mir einen neuen Rechner und der Kundenberater wies mich bemitleidend darauf hin, dass es nicht förderlich sei, alle Fehlermeldungen einfach weg zu klicken. Dies solle ich zukünftig berücksichtigen, sofern ich nicht noch einen weiteren Computer innerhalb weniger Wochen kaufen wollte. Ich hatte begriffen, dass der erste Computer nicht dem Friesenfluch sondern meiner Unkenntnis zum Opfer gefallen war, so kaufte ich mir eine Anleitung in Form eines dicken Buches, las diese und alles wurde gut.

Leider hatten wir auch Verluste zu beklagen. Nicht nur Ruths Schäferhündin Nadine hatte uns altersbedingt verlassen sondern auch ihr Friesenhengst Marc musste nach einer Hufrehe leider viel zu früh gehen. So gaben sich Freude und Leid "die Klinke in die Hand", bis irgendwann etwas Schreckliches geschah.

 

Es kann keinen Gott geben

Eines Tages bekam ich bei der Arbeit einen Anruf aus dem Krankenhaus. Ruth war mit lebensgefährlich hohem Blutdruck eingeliefert worden. Wenig später war die Diagnose klar: Nierenkrebs. Ihr Arzt verströmte Zuversicht, er würde die eine Niere entfernen und alles sollte gut werden. Nichts wurde gut.

Die Niere wurde entfernt. Wenig später war der Darm betroffen, Teile wurden entfernt. Dann kamen Blase und Leber dazu. Ruth war mehr im Krankenhaus als zuhause, sie kämpfte einen aussichtlosen Kampf und ich kämpfte mit. Ich wusste, sie würde sehr bald sterben und sie wusste es auch.

Das einzige was mich noch einigermaßen auf den Beinen hielt, war die Tatsache, dass ich die Verantwortung für Ruth und zehn Tiere hatte. Wenn ich spät am Abend nach getaner Stallarbeit allein und müde in die leere Wohnung kam, setzte ich mich hin und verfiel regelmäßig in eine tiefe Depression. Eigentlich wollte ich mich umbringen, konnte aber die Kraft dazu nicht finden.

Ich arbeitete Vollzeit, fuhr regelmäßig ins Krankenhaus, um Ruth zu besuchen und verrichtete danach noch die tägliche Stallarbeit, die Besitzerinnen der eingestellten Pferde halfen mir dabei.

Weil ich aber auch nicht essen konnte oder wollte, wog ich nach wenigen Wochen nur noch 60 Kilogramm bei 190 cm Körpergröße. Wenn man Ruth und mich nebeneinander sah, konnte man nicht feststellen, wer von uns beiden bald sterben würde. Wenn Ruth zuhause war, versuchte sie mich aufzubauen. Ich jedoch verfiel in eine immer tiefere Depression. Tabletten zeigten nur mäßige Wirkung.

Auch wenn es mittlerweile viele Jahre her ist, weiß ich wie sich eine Depression anfühlt. Ich appelliere an alle die eine Depression haben, sich in professionelle Behandlung zu begeben, trotz meines Vorbehaltes gegenüber der Humanmedizin. Wichtig hierbei ist es, einen Arzt oder eine Ärztin des Vertrauens zu finden und die Ursachen zu bekämpfen, alles andere macht wenig Sinn. Allen, die mit depressiven Menschen zu tun habe, möchte ich darauf hinweisen, dass eine Depression keine vorübergehende Spinnerei sondern eine lebensbedrohende aber in fast allen Fällen heilbare Erkrankung ist.

Heute weiß ich was dann passiert ist, damals war ich betäubt von Tabletten, Trauer, Wut und Verzweiflung. Ich wollte Ruth in den Tod folgen oder ihr sogar zuvorkommen, was sie zu verhindern wusste. Sie schickte mich weg, sie warf mich raus. Sogar mit dem Anwalt drohte sie mir, falls ich nicht freiwillig gehen sollte, schließlich war sie die Pächterin des Geländes. Sie untersagte mir jeden Kontakt zu sich und den Tieren. Ich war psychisch nicht in der Lage, Widerstand zu leisten und ging. Die Wirkung dieses Schrittes auf Außenstehende wurde mir erst viel später bewusst.

Ruth hat mir dadurch damals vielleicht das Leben gerettet und ist selbst kurz darauf gestorben. Ich habe mich auch nach ihrem Tod an diese unausgesprochene Übereinkunft gehalten und bin nie mehr in die Nähe der Tiere gegangen, von denen ich wusste, dass sie gut versorgt waren. Leider stirbt immer auch ein Teil von einem selbst, wenn ein geliebter Mensch stirbt. Ruth hat mir damals nicht nur eine neue Welt der Tiere gezeigt, sondern auch was Selbstlosigkeit tatsächlich bedeutet. Auch wenn mich dieser Abschnitt meines Lebens weiter vom Glauben entfernt hat, danke ich Ruth insbesondere für diese Erkenntnis aber auch für fast fünf wunderbare Jahre.

 

Die Ärzte, Ihre Diagnosen, Therapieansätze und ich

Diese sehr negative Erfahrung meines Lebens hat natürlich auch nicht dazu beigetragen, mein ohnehin gespanntes Verältnis zur Humanmedizin zu verbessern.

Wie kam es zu meiner Einstellung Ärzten gegenüber? Vielleicht werde ich das Thema später noch etwas genauer schildern. Nur so viel: In jungen Jahren wurde ich ausreichend mit Psychopharmaka versorgt, nach den Ursachen für die Probleme suchte niemand. Mit Anfang dreißig bot mir ein Orthopäde an, meine beiden Unterschenkel abzusägen, ein Stück zu entfernen und wieder anzusetzen. Hintergrund hierfür waren Fußschmerzen aufgrund einer angeborenen leichten Fehlstellung meiner Beine. 12 Monate Einlagen in den Schuhen haben das Problem für immer beseitigt.

Mit Mitte dreißig bekam ich nach zwei Anfällen, die sich später als Panikattacken herausstellten, die Diagnose Epilepsie. Dadurch verstärkten sich meine Panikattacken, Anfälle bekam ich trotz verweigerter medikamentöser Therapie niemals wieder. Ein und derselbe Leistenbruch musste insgesamt drei Mal operiert werden, obwohl ich keineswegs schwer körperlich arbeiten musste.

Meine Frau wurde nach einem glatten Unterschenkelbruch ohne ärztliche Versorgung aus der Notaufnahme nach Hause geschickt. Erst am nächsten Tag fiel einem Professor anhand des Röntgenbildes der Fehler auf. Fast schon überflüssig zu erwähnen, dass der völlig unkomplizierte und glatte Bruch wegen falscher Nagelung viel zu langsam zusammen wuchs.

Die Geschichte mit Ruth allerdings hat mich allerdings am meisten beeinflusst. Zum einen dahingehend, dass ich Menschen verstehe, die Therapien verweigern und zum anderen, dass ich ein absoluter Befürworter der Sterbehilfe geworden bin. Ich wünsche jedem unheilbaren und leidenden Menschen den Mut und die Chance, selbst zu entscheiden. Den Angehörigen dieser Menschen wünsche ich die Kraft und das Verständnis, die Entscheidung des Totgeweihten nicht nur zu akzeptieren sondern auch nach Kräften zu unterstützen.

"Liebe Ruth, ich habe es nicht so mit dem Glauben. Wenn es aber ein Leben nach dem Tode gibt, dann befindest du dich jetzt im Paradies, unsterblich glücklich und vereint mit allen Lebewesen, die du so sehr geliebt hast."

  

Die Sache mit den Türen

Sehr gerne tröstet man andere oder sich selbst mit trivialen Sprüchen wie "Wenn sich eine Tür schließt, geht bald darauf eine andere Tür auf". Nur blöd, dass man nie weiß, was hinter der anderen Türe steckt. Trotzdem geht man durch, schließlich kann man nicht sein ganzes Leben auf dem Flur verbringen. Hinter meiner nächsten Tür wartete Gisela.

In Wirklichkeit wartete Gisela schon sehr lange auf mich bzw. die Chance, mich zu schnappen. Dass Ruth mich "rausgeworfen" hatte, kam ihr aus meiner heutigen Sicht nicht so ganz ungelegen. Sie warf ihren damaligen Freund raus und ich zog ein, was mich eigentlich schon damals etwas stutzig hätte machen müssen. Dass ich immer noch verflucht war, hatte mir die schwere und unheilbare Krankheit Ruths aufgezeigt, dennoch rannte ich schon wieder in mein Verderben.

Was ich zum damaligen Zeitpunkt absolut noch nicht wusste, war die Tatsache, dass zwischen eine Mutter und deren Sohn kein Blatt Papier geschweige denn ein ausgewachsener Mann passt. Fridolin, der 24 Stunden am Tag im Keller Computer spielte, mochte mich nicht und machte auch keinen Hehl aus seiner Abneigung mir gegenüber. Ich gab mir so viel Mühe wie ich unter den gegebenen Umständen aufbringen konnte, Ruth war mittlerweile gestorben, diese Mühe war jedoch umsonst.  Fast hätte mir dieser Teenager den Glauben daran genommen, dass es wichtig ist, junge Menschen zu fördern und zu unterstützen - aber eben nur fast.

Anmerkung:

Weiter vorne habe ich schon einmal eine Andeutung gemacht, dass eine Göttin von Olymp in mein Leben treten würde. Im Augenblick möchte ich jedoch nur so viel verraten: Ich lebe bereits seit vielen Jahren glücklich mit ihr zusammen und möchte mit ihr sehr, sehr alt werden, am liebsten irgendwann an der kroatischen Adria - es ist nicht Gisela!

Gisela arbeitete beim Versandhaus "Quelle" (gibt es nicht mehr) in der Retourenabteilung und war dafür zuständig, Retourenbetrug aufzuklären. Das war eine aus meiner Sicht sehr spaßige Arbeit.

Es gab Kunden, die hochpreisige Artikel bestellten und wohl wissend, dass Retouren anhand des Gewichts geprüft wurden, wertlose Materialien mit dem exakt gleichen Gewicht zurück schickten. Die waren wirlklich so naiv und glaubten damit Erfolg zu haben.

Ach mit Ausreden waren diese "Spaßvögel" nicht zu knapp, oft behaupteten sie, sie hätten das betroffene Paket nie geöffnet sondern einfach so zurückgeschickt. Doch erkennungsdienstliche Behandlung sowie Hausdurchsuchungen deckten die meisten Fälle auf. Wie ich bereits sagte handelte es sich um eine echt spaßige Tätigkeit, die Gisela durchführen durfte.

Leider war zu diesem Zeitpunkt bereits abzusehen, dass es die "Quelle" nicht mehr lange geben würde, die Retourenabteilung war bereits im Begriff aufgelöst zu werden. "Guter Rat war teuer" und ich war einmal mehr im Begriff, die falsche Richtung einzuschlagen, die mich aber diesmal an einen Punkt bringen würde, an dem ich für einen langen Zeitraum glücklich werden sollte. Dass allerdings lag noch Jahre in der Zukunft.

Wenn man ein Buch schreibt bzw. eine elektronische Biografie, so wie ich es tue, kommt man immer wieder zu dem Punkt, an dem man sich die Frage stellt, was wäre passiert, wenn man anders entschieden hätte. Ich hoffe und bin zuversichtlich, darauf nie eine Antwort zu erhalten.

Meine Frau, ich hatte Gisela dummerweise geheiratet, und ihr nicht annähernd so motivierter Sohn brauchten einen Job. Ich hatte immer noch die gut bezahlte und sehr erfüllende Tätigkeit, von der ich bereits erzählte. Nur ein verfluchter Narr hätte diesen Job hingeschmissen.

Gisela aber hatte eine wahnsinnig tolle Idee wie wir unsere gemeinsame Zukunft gestallten könnten. Die Betonung liegt hier eindeutig auf dem Wort "wahnsinnig". Ich, der verfluchte Narr, ging darauf ein, mit vollem Engagement.

Der Plan war, mein längst überfälliges Erbe anzutreten, Nicos Hackfleischimperium. Wir wollten uns die erforderlichen Kenntnisse aneignen und danach Nico in den wohlverdienten, von uns finanzierten Ruhestand verabschieden. Fridolin solllte das Imperium als Fahrer um einen Lieferdienst erweitern. Nico war einverstanden.

Es fing gar nicht so schlecht an, ich hatte kaum etwas verlernt und Gisela konnte ihre mangelnden Kenntnisse durch ihren überragenden Fleiß mühelos kompensieren. Auch Fridolin gab sich alle Mühe. Mit einem kleinen gelben Auto, das Gisela und ich von unserem letzten Ersparten gekauft hatten, beglückte er die Kunden, die die Strapazen, unser Imperium aufzusuchen, nicht in Kauf nehmen wollten. Alles schien gut zu sein.

Aus irgend einem Grund aber entwickelten Nico und ich eine immer unterschiedlichere Aufassung unserer Zusammenarbeit. Wir hatten eine GbR (Gesellschaft bürgerlichen Rechts) gegründet und waren gleichberechtigte Gesellschafter der Firma. Der Laden warf wirklich enorm viel Geld ab, und selbst nach Bezahlung aller laufenden Kosten, hätten wir alle für immer in Wohlstand leben können.

Natürlich kam es anders und ich empfehle jedem, Familie und Broterwerb möglichst zu trennen. Nico und ich gerieten in Streit, die genauen Gründe möchte ich an dieser Stelle nicht erörtern. Nico ist mittlerweile verstorben und ich hoffe, er hat seine Ruhe gefunden, gearbeitet hat er sein Leben lang mehr als genug.

Gisela, mein "Lieblingsstiefsohn" und ich standen vor dem Nichts. Alle Ersparnisse waren aufgebraucht und das kleine gelbe Auto gehörte der Bank. Eine schnelle Lösung musste her und die nahte in Person von Giselas Exmann und Vater von Fridolin. Er hatte die Idee, dass wir unser eigenes Imperium aufbauen sollten und er würde es finanzieren. Als Gegenleistung verlangte er "lediglich" eine absolut unbescheidene Gewinnbeteiligung.

Es war weniger eine freie Entscheidung als eine Notwendigkeit der Sozialhife zu entgehen, der ich niemals anheim fallen wollte. So eröffneten wir den "P.Point" in Fürth. Das Konzept war so einfach wie genial und damals nahezu einzigartig. Wir boten Pizzen, Sandwiches und Nudeln an, die vor den Augen der Gäste nach deren speziellen Wünschen belegt bzw. angerichtet wurden, die unzähligen frischen Zutaten befanden sich in einer Kühltheke direkt im Gastraum. Einer der Renner war unsere Weißwurst-Pizza. Der Laden lief von Anfang an sehr gut.

Im "P.Point" gab es keine Sitzplätze im herkömmlichen Sinn, nur ein paar Tresen mit Hockern, an denen man, sofern man das wollte, seine Speisen im Laden einehmen konnte. Die Gäste sollten kaufen und die Speisen mitnehmen bzw. schnell verzehren und dann wieder gehen, Fridolin lieferte, soweit das Konzept.

Dass Fridolin sehr bald die Lust verlor, hätte man voraussehen können. Ich nehme ihm das heute auch nicht mehr übel, er war ein junger Mensch, der sich nach mehr sehnte, als sein Leben lang Pizzen auszufahren. Der Laden lief dennoch gut.

Dass sich unser Geldgeber ständig einmischte und Gisela letztlich dazu brachte, unser ursprügliches Konzept zu ändern, bedeutete den Anfang vom Ende. Irgendwann hatten wir Sitzplätze und Gäste, die stundenlang geistige Getränke zu sich nahmen, rauchten (war damals noch erlaubt) und mit Gisela kommunizierten.

Irgendwann blieben die guten Gäste aus, der Umsatz ging zurück und der Zigarettenrauch der verbliebenden Klientel brachte die über uns wohnenden Verpächter (besonders den dauerhaft arbeitslosen Akademiker) dazu, uns die Kündigung anzudrohen. Die Situation war verfahren und meine Beziehung zu Gisela war ohnehin nur noch Makulatur. Unter dem Friesenfuch stehend drohte mir erneut ein Schlag, von dem ich mich nur schwer wieder erholen könnte.

 

Eine Göttin stieg vom Olymp

Wir hatten einen Stammgast, der beim ersten Mal nur zu uns hereingekommen war, um Geld für Zigaretten zu wechseln. Die Tatsache, dass wir das offensichtlich sehr zuvorkommend bewerkstelligt hatten, bewog ihn dazu, kurz darauf wieder zu kommen und bei uns zu essen. Er war derart begeistert von uns und unseren Nudeln, so dass er immer und immer wieder kam. Eines Tages brache er jemanden mit, der mein Leben grundlegend verändern sollte.

Es war im Herbst 2003 als er seine Frau Sabine mit in den P.Point brachte. Sie war sehr still und wirkte etwas traurig. Sofort verliebte ich mich in diese wunderschöne blonde Frau mit den strahlend blauen Augen. Ein derart starkes Gefühl hatte ich niemals zuvor in meinem Leben und ich wusste, sie war diejenige, die den Friesenfluch aus meiner Seele verbannen konnte.

Sabine und ich waren verheiratet, nur nicht miteinander. Solange sie meine Liebe nicht erwiderte, sollte das zumindest nicht ihr Problem sein. Doch Sabine ging es ebenso wie mir und so schmachteten wir uns gegenseitig in dem Glauben an, dass der jeweils andere nicht zu haben sei. Was ich lange nicht wusste war, dass Sabine schon lange getrennt von ihrem Mann lebte und sie nur gemeinsam kamen, da er sie nicht loslassen wollte.

Als ich blind und krank vor Liebe endlich merkte, dass Sabines Mann kein Hindernis war, wusste ich instinktiv, es war an der Zeit, meinem bisherigen Leben einen Tritt zu versetzen und mit neuem Mut in die Zukunft zu sehen.

Ich begann Sabine zu umgarnen und ihr kleine Geschenke zu machen. Ich fühlte mich wie ein Teenager, der zum ersten Mal bis über beide Ohren verliebt war. Dann eines Tages nahm ich all meinen Mut zusammen und gestand ihr meine Liebe. Sabine mochte Anette und wollte nicht schuld daran sein, dass ich sie verlasse. Dennoch versicherte sie mir, dass ihre Tür und ihr Herz immer und jederzeit für mich offen ständen.

Sabine war fast täglich im P.Point und wir tauschten heimlich kleine Zettelchen und scheue, verstohlene Küsschen aus. An Tagen, an denen sie nicht da war, litt ich Höllenqualen, was natürlich auch Gisela nicht verborgen blieb.

Am 23.02.2004 saßen Gisela und ich nach Feierabend bei einem Gläschen Wein, als sie das folgenschwere Gespräch eröffnete. Sie fragte mich, ob ich Sabine liebte, was ich wahrheitsgemäß bejahte. Nach kurzer Stille erfolgte ihrerseits der für mich unbewusst lange ersehnte Hinweis, dass ich mich jetzt sofort entscheiden müsse und die Wohnung sofort verlassen solle, sofern meine Wahl auf Sabine und nicht auf sie falle.

Ich packte "wie immer" nur das Nötigste, suchte die nächste Kneipe auf, trank mir ein bisschen zusätzlichen Mut an, rief ein Taxi und fuhr zu Sabine, die mich frisch geweckt und wie zuvor versprochen aufnahm. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, sitzt mir Sabine gegenüber und ich lebe mit ihr mittlerweile seit über vierzehn Jahren glücklich an dem Ort zusammen, an dem ich sie damals mitten in der Nacht "überfiel".

Noch immer waren Sabine und ich verheiratet, noch immer nicht miteinander, doch das störte uns nicht mehr, wir waren zusammen.

Auch wenn alle Beteiligten wussten, dass eine Ära vergangen war und der P.Point sterben musste, hielten Gisela und ich den Betrieb zunächst noch aufrecht, wobei wir versuchten, sie und Sabine möglichts selten miteinander zu konfrontieren. Wie unter Erwachsenen üblich erfüllten wir unsere Verträge und schlossen den Laden wenige Monate später, was uns alle von einer letzten großen Last befreite.

Sabines Mann nahm es seiner Frau, von der er längst getrennt war, sehr übel, dass sie mich vermeintlich meiner Frau und ihm sein Wohnzimmer wie er den P.Point liebevoll bezeichtete weggenommen habe. Dazu muss man wissen, dass er Sabine nie besonders gut behandelt hatte und auch Treue zu keiner Zeit zu seinen Stärken gehörte. Er hatte sogar eine kurze Affäre mit Gisela, nachdem wir getrennt waren, was scheinbar so etws wie eine Strafe, wofür auch immer, für Sabine und mich darstellen sollte.

Sabines Mann war eingentlich kein schlechter Kerl, lediglich etwas egozentrisch, cholerisch und besitzergreifend, eben das genaue Gegenteil von mir. Sabine hatte ihn geraume Zeit nach der Trennung erneut aufgenommen, da er ein Bleibe suchte, was er dadurch quitierte, dass er in ihrer Wohnung den Chef spielte und sie Mühe hatte, ihn wieder los zu werden. Das gelang ihr erst kurz bevor ich zu ihr zog, ihren Computer betrachtete er als sein Eigentum und wollte, dass Sabine herausgibt..

Der Kampf um Computer war exemplarisch für die nicht einfache Situation, in der sich alle Beteiligten damals befanden. Gisela wollte unseren gemeinsamen Computer behalten, damit sie sich bewerben konnte. Da Sabine ebenfalls Eigentümerin eines Rechners war, den sie ihrem Mann lediglich leihweise überlassen hatte, sah ich darin kein Problem, denn ich könnte ja zeitnah auf diesen zurückgreifen. Sabines Mann dachte nur nicht daran, diesen aufzgeben, was zu folgender, aus heutiger Sicht sehr lustigen Anekdote führte:

Eines Abends stritten Sabine und ihr Mann wieder einmal, es ging um den besagten Computer. Streiten zwischen den beiden bedeutete, Sabine forderte in angemessenem Ton ihr Recht und ihr Mann schrie und tobte. Diesmal rastete er dermaßen aus, dass ich mich gezwungen sah, einzugreifen. Offensichtlich vergriff ich mich ebenfalls im Ton und betitelte ihn mit dem allseits bekannten A-Wort. Wenige Tage später starteten wir Sabines Computer.

Als ich den Computer zu ersten Mal startete, erschien der Schriftzug "Wer mich ein A... nennt, braucht auch meinen Computer nicht", sonst ging nichts mehr. Erst das Zurücksetzen auf einen früheren Wiederherstellungspunkt brachte die Maschine wieder zum laufen. Hierzu möchte ich meinem früheren "Kontrahenten" folgendes sagen:

 

 

ls ich den Computer zu ersten Mal startete, erschien der Schriftzug "Wer mich ein A... nennt, braucht auch meinen Computer nicht", sonst ging nichts mehr. Erst das Zurücksetzen auf einen früheren Wiederherstellungspunkt brachte die Maschine wieder zum laufen. Hierzu möchte ich meinem früheren "Kontrahenten" folgendes sagen:

"Mein lieber Freund, du warst damals ein A... und ich weiß nicht, ob sich das mittlerweile geändert hat. Auf jeden Fall war es nicht dein Computer und deine Manipulation desselben war ebenso kindisch wie schlecht und somit absolut wirkungslos, im übrigen ebenso wirkungslos wie dein verzweifelter Versuch, Sabine und mich zu trennen."

Mein Leben ging also ohne Gisela und ohne den P.Point weiter. Im Gegensatz zu heute ging es Sabine und mir anfangs finanziell nicht besonders gut. Wir waren nicht arm aber schon ein bisschen angeschlagen, dennoch brachte ich möglichst schnell meine zweite Scheidung hinter mich, was mich einen Anwalt und Rentenanwartschaften von ca. 1,50 € pro Monat kostete, auf die Gisela keinesfalls verzichten wollte.

Sabine und ich waren schon immer ein sehr gutes Team und so ging es uns von Jahr zu Jahr besser. Nach verschiedenen Jobs fand ich auch eine neue, längerfristige berufliche Herausforderung, die mein Leben nachhaltig beeinflussen sollte.

Atheist trifft auf erzkatholische Einrichtung

Im Internet hatte ich eine Stellenanzeige gelesen, es wurde ein kaufmännischer Ausbilder gesucht, der Jugendliche in einer sogenannten "Berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahe" betreut. Ich hatte keine besonderen beruflichen Verpflichtungen und seit vielen Jahren den "Ausbilderschein". Das einzige Problem war, dass es sich um einen Tendenzbetrieb handelte, in diesem Fall um einen katholischen, der bei seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft voraussetzte. So stand es auch in der Stellenanzeige.

Sabine und ich sagen heute zwar oft spaßeshalber "Oh mein Gott, Oh mein Gott", wenn wir uns künstlich über Nichtigkeiten aufregen, an Gott glauben wir aber nicht wirklich, Sabine war bereits seit langem aus der Kirche ausgetreten und ich war nie geatuft worden. Aus den vorliegenden Gründen machte ich mir keine großen Hoffnungen, diesen Job zu bekommen. Dennoch schrieb ich die Bewerbung und verschwieg auch nicht, dass ich keiner Religionsgemeinschaft angehörte. Allerdings verschwieg ich, dass ich die Waldorfschule besucht hatte.

Drei Tage später bekam ich einen Anruf, ich solle wenn möglich bald kommen und mich persönlich vorstellen, ein passender Termin war schnell gefunden. Als der Tag im Hochsommer 2004 gekommen war, machte ich mich auf den Weg, in Anzug und Krawatte, bei weit über dreißig Grad im Schatten. Ich schwitzte furchtbar aber zumindest nicht vor Angst, da ich immer noch nicht annahm, sie würden einen "Ungläubigen" einstellen.

Pünktlich und von Schweiß völlig durchnässt betrat ich mit meinem Anzug das Büro des Gruppenleiters. Ein schlacksiger Mann in kurzen Hosen, Hawaihemd und Zehensandalen stellte sich als Thomas vor, er sei der stellvertretende Einrichtungsleiter und ich könne ihn duzen, da sei bei ihnen so üblich. Als allererstes bat ich Thomas, mein Jackett und meine Krawatte ablegen zu dürfen, was dieser kommentierte, indem er mir sinngemäß mitteilte, eine Jeans und ein T-Shirt hätten es bei diese Temperaturen auch getan, Anzüge seien bei ihnen sowiso eher unüblich.

So hielten wir ein bisschen Smaltalk und schließlich bat er zwei Sozialpädagogen dazu, denen er lapidar mitteilte, ich sei OK und würde der neue Ausbilder sein. Meinen Einwand, dass ich nicht getauft war, wiegelte er ab und meinte, der Einrichtungsleiter hätte sich möglicherweise daran gestört aber er nicht, schlimmer wäre es gewesen, wenn ich aus der Kirche ausgetreten wäre. Er würde meinen "Makel" dem Einrichtungsleiter schon irgendwie schonend beibringen.  Viel später traf ich den Leiter, der sichtlich überrascht von meiner "Nichtkirchenzugehörigkeit" meinte, dass ich da wohl Glück gehabt hatte, dass er nicht da gewesen war, als Thomas mich einstellte.

Am nächsten Tag sollte ich anfangen, 8 Stunden Unterricht vor einer 16köpfigen Gruppe Jugendlicher zwischen 16 und 18 zu geben. Das wäre nicht so schlimm gewesen, hätte ich vorher jemals Gruppen unterrichtet. Sicher wäre es auch einfacher gewesen, wenn es sich nicht um Jugendliche gehandelt hätte, die Thomas sehr stark untertreibend als "eher verhalten motiviert" bezeichnete. Tatsächlich aber sollte sich sehr bald herausstellen, dass einige von ihnen eher bildungsferne und beratungsresistente Bestien waren, denen ich zum Fraß vorgeworfen werden sollte.

Ich möchte an dieser Stelle dringend daruf hinweisen, dass ich, meine Kolleginnen und Kollegen zu jeder Zeit das Beste für die Jugendlichen wollten und taten. Wenn ich also beispielsweise von "Bestien" spreche, so entspricht das dem Ton, der oft auch im Kollegium herrschte und in keinster Weise diffarmierend gemeint ist oder jemals war.

Nichts Böses ahnend betrat ich am Tag darauf pünktlich um 08:00 Uhr den Unterrichtsraum. Zunächst nahm keiner der Anwesenden von mir Notitz oder aber sie waren sehr geschickt darin, einen solchen Eindruck zu erwecken. Die Lieben waren gerade dabei, sich gegenseitg mit allerlei Gegenständen zu bewerfen und dabei zeigten sie wirklich sehr viel Eifer und Gechick.

Diplomatie gehört nicht immer zu meinen Stärken, so dass es manchmal vorkommt, dass ich sage, was ich in dem Moment denke. Also sagte ich laut und deutlich, dass ich in zehn Jahren in der Hoffnung wiederkommen würde, die Gruppe könne bis dahin dem Kindergarten entwachsen sein. Es herrschte sofort eine nachdenkliche Stille, dann ein aufgeregtes Getuschel. Ich konnte förmlich spüren wie die Gruppe dabei war, sich zu solidarisieren, dann spürte ich eine Unmenge von Gegenständen jeder Art, die auf meinen Körper prasselten. Sofort verließ ich den Raum und suchte Thomas auf, um von meinem Leid zu klagen.

Thomas fiel vor Lachen fast vom Stuhl und ich gewann den Eindruck, dass er gerade eine nicht unerhebliche Schadenfreude empfand. Flapsig bemerkte er, dass die Süßen das mit jedem machten, um ihre Grenzen zu erfahren und dass ich mir etwas einfallen lassen müsse, um die "Wahnsinnigen" zur Räson zu bringen. Ich spielte in diesem Moment eher mit dem Gedanken, auzugeben und so weit weg zu rennen wie ich nur konnte aber schließlich bin ich im Sternzeichen "Löwe" und hatte schon viel Schlimmeres erlebt wie der aufmerksame Leser weiß.

Mein Plan war es, erneut vor die Gruppe zu treten, den Anführer oder die Anführerin zu identifizieren, zu separieren und davon zu überzeugen, dass es seine bzw. ihre Pflicht sei, mich zu unterstützen - soweit der Plan. Ich stand vor der Tür und konnte hören wie die Feierlichkeiten zu Ehren des Sieges über mich in vollem Gang waren. Ich öffnete die Tür und betrat den Unterrichtsraum, plötzlich herrschte absolutes Schweigen in den feindlichen Reihen, nur eine Stimme erhob sich und sagte: "Hey Alter, noch nicht genug oder was?" Ich hatte den Anführer enttarnt und entgegnete:"Genau darüber möchte ich mit dir sprechen und zwar unter vier Augen, draußen vor der Tür oder hast du Angst allein?". Das hatte gesessen, ich hatte erfolgreich mein Revier markiert und wir gingen vor die Tür, drinnen herrschte Totenstille.

Oh mein Gott - dachte ich und verwarf diesen Gedanken mangels Gläubigkeit gleich wieder - der Kerl war riesig und wies als erstes darauf hin, dass sein Bruder ebenfalls in dieser Einrichtung und noch ein Stück größer sei als er selbst. Dann ergänzte die "russische Kampfmaschine" der Vollständigkeit halber noch, dass sie beide in ihrer Freizeit sehr erfolgreiche Boxer seien. Selbst Chuck Norris wäre ob meiner Abgebrühtheit erblasst, denn ich entgenete mit eiskalter Stimme: "Das trifft sich gut, ich brauche Schutz und ihr braucht einen Qualifizierenden Hauptschulabschluss und einen Ausbildungsplatz, der euch gefällt. Beides werde ich euch innerhalb eines Jahres besorgen. Falls ich es nicht schaffe, steige ich eine Boxrunde mit euch beiden gleichzeitig in den Ring". Ich konnte es selbst nicht glauben, was ich da sagte und erntete einen kräftigen Handschlag und ein "Respekt Alter, eiverstanden".

Ob mein pädagogischer Ansatz nun optimal war oder nicht, könnte man sicher diskutieren und ich musste oft und lange mit den Sozialpädagogen und "innen" diskutieren, die meine eher pragmatischen Ansätze zumeist als ein wenig "schräg" bezeichneten. Auf jeden Fall gingen wir zurück in die Klasse und mein neuer Bodygard erklärte der Gruppe, dass ich OK sei und jeder auf die Fresse bekäme, der mir zu nahe treten sollte. Ich hatte nun Respekt, der sehr schnell durch echtes Vertrauen und natürlichen Respekt der Jugendlichen meiner Person gegenüber ersetzt wurde, was mir die Möglichkeit eröffnete, mein Versprechen zu halten, nicht nur gegenüber meinen russischen Freunden. Ich musste niemals in einen Boxring steigen.

Das mit der Kommunikation und den verschiedenen Zeichenvorräten

Kommunikationsfähigkeit ist kurz gefasst die Befähigung, ein Gespräch zu führen und aufrecht zu erhalten. Ideal ist es, wenn die Gesprächstpartner die gleiche Sprache sprechen und über einen annähernd gleichen Wortschatz (Zeichenvorrat) verfügen. Wenn ein Mittvierziger und ehemaliger Waldorfschüler auf Kids trifft, auf die ich das Vergnügen hatte zu treffen, muss das zwangsläufig zu aberwitzigen Situationen führen.

Neben fast allen allgemeinbildenden Fächern unterrichtete ich auch das Fach "Berufsorientierung". Das heißt, wir haben in Gruppen- und Einzelarbeiten abgecheckt, wer welche Talente und Vorlieben hat und welches Berufsbild dazu passen könnte. Eine meiner Teilnehmerinnen war ausnehmend kommunikativ, sie redete wie ein Wasserfall, ohne Punkt und Komma, ich glaube Tag und Nacht. Sie konnte wirklich nichts dafür aber sie nervte und brachte mich nicht nur einmal an den Rande des Wahnsinns. Ich fragte mich immer wieder, wie eine junge Frau mit "Logorrhö (Sprechdurchfall)" später einmal ihr Geld verdienen sollte.

Als sie mich einmal wieder so weit hatte, dass ich über meine Kündigung nachdachte, sagte ich ein klitzekleinbisschen zu wenig nachdenkend und auch nicht ernst gemeint, dass wir es vielleicht mit einem Job im Callcenter versuchen könnten. Da schrie sie mich an, was mir einfiele, sie zur "Telefonschlampe" machen zu wollen, sie würde jetzt sofort gehen, meine Missetat Ihrer Familie erzählen und ich würde schon sehen, was ich davon hätte. Im nächsten Moment war sie auch schon verschwunden.

Am Nachmittag wurde ich zu Thomas und seinen Sozialpädagogen und "innen" gerufen, die mich bereits mit finsterer Miene erwarteten und mir mitteilten, dass ich echt voll zu weit gegangen wäre und wir nun alle ein riesiges Problem hätten. Die Eltern würden am nächsten Tag kommen und sowohl eine Erklärung als auch eine Entschuldigung von mir haben wollen. Ich war mir keiner Schuld bewusst, zumindest keiner so schwerwiegenden und fragte daher scherzhaft in die Runde, ob mir gegebenenfalls sogar anschließende Sicherheitsverwahrung drohte.

Im weiteren Verlauf des Gespräches stellte sich dann heraus was passiert war. Das Mädchen hatte meine Anregung, ihr Geld mit dem Telefonieren in einem Callcenter zu verdienen, als Aufforderung interpretiert, sie solle Männern gegen Gebühr am Telefon deren Sexfantasien erfüllen. Nur Gott, sofern es ihn oder sie gibt, weiß wie die junge Frau darauf gekommen war.

Natürlich konnte das Missverständnis durch Zeugenbefragung der anderen Jugendlichen eindeutig zu meinen Gunsten aufgeklärt werden. Ihre beste Freundin sagte aus, das Mädchen hätte es richtig verstanden, zehn erinnerten sich nicht mehr, einer hatte gefehlt, drei bestätigten meine Version, natürlich nicht ohne daruf hinzuweisen, dass Telefonsex seit längerem überholt sei, da es mittlerweile alle möglichen Pornos kostenlos im Internet gebe. Damit war ich der Sicherungsverwahrung entkommen und habe nie mehr einen Job in einem Callcenter empfohlen.

Ich breche mal kurz aus meiner Erzählung aus, da mir eben eine Anekdote zum Thema Kommunikation und Zeichenvorrat eingefallen ist, ein wahre Gegebenheit, die sich erst kürzlich ereignete. Aufgrund wirklich widriger Witterungsverhältnisse war ich mit dem Taxi auf dem Weg zur Arbeit, sonst fahre ich bei jedem Wetter mit dem Rad, der Umwelt, des Geldes und meiner Fitness wegen. Ich saß im Wagen und der Dialog, der eindeutig vom Fahrer dominiert war, nahm wie so oft politische Formen an. Ich kann nicht alles wiedergeben und muss daher den Satz des Taxifahrers, der mich nicht loslässt aus dem Kontext nehmen und im Folgenden zitieren:

"Wenn mir die Angelika oder wie die heißt, die Merkel eben, sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe, besorge ich mir im Internet eine Papp-Gun (Anmerkung des Autors: kein Rechtschreibfehler) und sage ihr, dass sie gar nichts zu melden hat". Soweit das Zitat.

Als erklärter Pazifist möchte ich dieses Zitat aufgreifen und als Appell an alle richten:

"Frieden schaffen mit Papier- und Pappwaffen (Papp-Guns, Papppanzer, Pappraketen, Pappsoldaten mit Pappnasen und so weiter, umeltfreundlich da nachhaltig und absolut wirkungslos. Leere Klorollen gibt es genug bei der Scheiße, die jeden Tag auf der Welt passiert."

Apropos Kommunikation, meine Kids hatten eine eigene Sprache entwickelt, die ich als effizient bezeichnen möchte, da sie mit sehr wenigen Worten auskam und dennoch von allen verstanden wurde. So viel sie auch schwatzten, lärmten oder sonst irgendwie nervten, ihre Sprache war der "Hammer".

Hier ein Beispiel, zunächst wie ich es ausdrücken würde und danach wie es die Kids ausdrückten.

"Mein lieber Freund, hast du Lust heute Mittag mit mir zum Hauptbahnhof zu gehen, etwas zum Essen zu besorgen und uns ein bisschen herumzutreiben".

Nein mein Freund, sei nicht böse aber ich habe schon etwas anderes vor."

Jetzt die Übersetzung (kein Scherz):

"Hey Alter, geh` ich Bahnhof. Gehst du auch?"

"Gehst du alleine"

Ich mochte alle "meine" Kids und sie mochten mich, auf sehr unterschiedliche Art und Weise, was sie ebenfalls sehr differenziert zum Ausdruck brachten, z.B. durch "Schleimerei" oder die eine oder andere Anzüglichkeit bezüglich meines Alters. Ich weiß nicht wie oft die Frage kam, ob ich vor dem ersten oder dem zweiten Weltkrieg geboren sei.

Jeden Nachmittag nach dem Unterricht und an den Wochenenden bereitete ich die folgenden Stunden vor, zum Teil bis in die späte Nacht hinein. Ich war genauso gefordert wie meine Teilnehmerinnen und Teilnehmer, denn als ich zuletzt zur Schule ging war Bonn noch die Hauptstadt der BRD. Meine Freude am Unterrichten stieg mit den Erfolgen, die ich erreichte, stetig an. Es war eine tolle Zeit.

 

Der alte Mann und die Bücher

Wer bis hier her gelesen hat, weiß, dass ich einen handwerklichen Beruf erlernt und diese Ausbildung erfolgreich abgeschlossen habe. Im Tiefsten meines Inneren jedoch war ich immer eine "Krämerseele", ein Kaufmann durch und durch. Also was lag näher als noch einen passenden Berufsabschluss hinzuzufügen und gegebenefalls dadurch auch meine "Karriere" voran zu treiben. Der "geprüfte Wirtschaftsfachwirt (IHK)" sollte es sein, im Fernstudium, also meldete ich mich an.

Es kam ein großes Paket voller Lehrhefte und eine gesalzene Rechnung, die ich sofort in Vorfreude auf das Studium bezahlte. Im Begleitschreiben hieß es, dies seien die ersten 20 von 287 Lehrheften und der Rest würde bald eintreffen. Er traf bald ein, lange bevor ich den schwachsinnigen Text des ersten Kapitels des ersten Heftes auch nur im Ansatz verstanden hatte. Bis dahin hatte ich noch Platz im Keller, dann nicht mehr.

Es war tatsächlich, selbst für einen sprachaffinen ehemaligen Waldorfschüler wie mich, fast unmöglich, diesen Schwachsinn zu lesen oder gar zu verstehen. Ich sah meinen Erfolg in weite Ferne rücken und wünschte mir, ich hätte das Geld für ein soziales Projekt (einen schönen Urlaub mit meiner lieben Frau) ausgegeben. Der Fluch schien wieder einmal unbarmherzig zugeschlagen zu haben.

Doch glücklicherweise gibt es Internet. Ich recherchierte und fand ziemlich schnell die Lösung. Es gab zwei Bücher, die den gesamten Lehrstoff relativ klar und nachvollziehbar vermitteln sollten. Das taten sie bei einem Kostenfaktor im Promillebereich gegenüber den Unterlagen der Fernschule und einer Gewichtsersparnis von ca. 99%.

Mein Tipp:

Wenn Ihr euch für ein kostspieliges Fernstudium anmelden möchtet, prüft bitte zuerst, ob es nicht günstige Alternativen gibt.

Gar nicht so einfach ein Fernstudium dieser Güte. Die Begeisterung meiner Frau darüber, dass ich sie abends und an den Wochenenden maximal über meine Bücher hinweg ansah, hielt sich schon nach wenigen Monaten sehr in Grenzen aber was muss das muss. Mit fast Fünfzig noch einmal so eine Hürde zu nehmen, war schon eine Herausforderung,schließlich war mein Vollzeit-Job als Ausbilder ohnehin schon schwer genug.

Die Prüfung kam und war wirklich schwer. 35% fielen beim ersten Mal durch. Auch ich werden jetzt viele denken aber weit gefehlt, ich bin tatsächlich durchgekommen und das garnicht mal so schlecht. Die Mühe hatte sich gelohnt aber ich musste meiner Frau versprechen, dass das die letzte Fortbildung im Verlauf unserer Ehe gewesen sein sollte. Dieses Versprechen gab ich ihr nur allzu gerne und habe es bis heute gehalten.















 




























 









--------